Zimmer 1208: Eine Nacht ohne Ziel
Von Tonkix

**Zimmer 1208: Eine Nacht ohne Ziel**
Die Lobby des *Grand Hotel Excelsior* atmete die gleiche klimatisierte Luft wie immer, diese künstliche Kühle, die nach stundenlanger Hitze unter der glühenden Sonne der Stadt Erleichterung versprach. Das goldene Licht der Kronleuchter spiegelte sich im polierten Marmor und schuf ein Spiel aus Schatten und Glanz, das unter den eiligen Schritten der Gäste tanzte. Zwischen ihnen glitt Laura Vasconcelos dahin wie eine Figur aus einem Luxuskatalog: der makellose anthrazitgraue Hosenanzug, der Rock eng anliegend bis knapp über die Knie, die hohen Absätze, die mit militärischer Präzision auf dem Boden klackten. Das dunkelbraune Haar, zu einem tiefen Dutt gebunden, wagte es nicht, sich auch nur ein Strähnchen zu lösen, und die Brille mit dem schmalen Gestell rutschte ihr über die Nase, während sie etwas auf ihrem Handy überprüfte, die Lippen zu einer schmalen Linie der Konzentration zusammengepresst.
Sie blickte nicht zur Seite. Sie war nicht der Typ, der sich von der Umgebung ablenken ließ – nicht, wenn es Berichte zu überarbeiten, E-Mails zu beantworten und eine entscheidende Präsentation am nächsten Morgen gab. Die Müdigkeit lastete auf ihren Schultern, doch es war ein vertrautes Gewicht, fast tröstlich. Laura wusste, wie man damit umging. Das hatte sie immer gewusst. Seit sie die Position der Operationsdirektorin in dem multinationalen Konzern übernommen hatte, hatte sie gelernt, dass Erfolg keine Frage des Glücks war, sondern der Disziplin – und davon hatte sie mehr als genug.
Auf der anderen Seite der Lobby, nahe der Rezeption, unterschrieb Daniel Menezes das Anmeldebuch mit einem unnötigen Schwung, als wäre der Stift ein Musikinstrument und das Papier eine Partitur. Der schwarze Anzug, den er trug – geliehen vom Bassisten der Band für den Anlass – saß etwas locker an den Schultern, aber das störte ihn nicht. Schließlich definierte nicht der Anzug einen Mann, sondern die Art, wie er ihn trug. Und Daniel wusste, wie man ihn trug. Das lockige Haar, noch feucht von der schnellen Dusche in der Garderobe, fiel ihm in widerspenstigen Strähnen in die Stirn, und die grünen Augen, die immer ein wenig zu lächeln schienen, musterten die Umgebung mit Neugier.
— *Zimmer 1208*, richtig? — fragte er den Rezeptionisten und lehnte sich leicht über den Tresen. Seine Stimme war tief, mit einem warmen Timbre, das wie gemacht schien für nächtliches Flüstern.
— Ja, Herr Menezes. Im zwölften Stock, links, sobald Sie den Aufzug verlassen. — Der junge Angestellte überreichte ihm den Magnetschlüssel mit einem professionellen Lächeln, doch Daniel bemerkte, wie der Blick des Mannes schnell zu der Gitarre huschte, die an der Wand lehnte. — Brauchen Sie Hilfe mit dem Gepäck?
— Nein, danke. — Daniel nahm den Gitarrenkoffer mit einer fließenden Bewegung und balancierte ihn auf der Schulter. — Ich bin leicht wie eine Feder.
Der Rezeptionist lachte, doch Daniel entfernte sich bereits mit leichten, fast hüpfenden Schritten. Er liebte Hotels. Er liebte das Gefühl von Anonymität, die Verheißung unerwarteter Begegnungen, die Art, wie die Wände Geheimnisse bewahrten, die niemand je erfahren würde. Und dieses hier hatte etwas Besonderes in der Luft – eine elektrische Energie, als wären die Moleküle mit Möglichkeiten aufgeladen.
Laura erreichte den Aufzug Sekunden vor Daniel. Die Türen aus poliertem Metall öffneten sich mit einem sanften *Ding* und enthüllten einen leeren Raum, erleuchtet von einem gelblichen Licht, das die Konturen weich zeichnete. Sie betrat ihn zuerst und drückte ohne zu zögern den Knopf für den zwölften Stock. Daniel folgte ihr und balancierte die Gitarre zwischen seinen Beinen, während sich die Türen schlossen.
Einen Moment lang sprach keiner von beiden. Der Aufzug setzte sich mit einem leichten Ruck in Bewegung, und Laura hielt den Blick auf das digitale Display gerichtet, zählte die Stockwerke, als wäre jede Zahl eine zu überwindende Etappe. Daniel jedoch konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Es war nicht nur die Eleganz – obwohl es unmöglich war, die Art zu ignorieren, wie der Stoff des Hosenanzugs sich an ihre Kurven schmiegte oder wie die hohen Absätze ihre Beine verlängerten. Es war etwas Subtileres: die Anspannung in ihren Schultern, die Steifheit in ihrer Haltung, als würde sie sich ständig zurückhalten, um nicht zusammenzubrechen.
Er wollte wissen, was passieren würde, wenn sie losließ.
— Langer Tag? — Die Frage entschlüpfte ihm, bevor er sich bremsen konnte. Daniels Stimme war leise, fast intim, als würden sie sich bereits kennen.
Laura hob überrascht den Blick. Die Brille rutschte noch ein Stück weiter, und sie schob sie mit einer automatischen Geste zurück, die schlanken Finger streiften das Gestell.
— Was lässt dich das denken? — Ihre Stimme war fest, doch es lag ein leichtes Zittern darin, als hätte die Frage sie unvorbereitet getroffen.
Daniel lächelte und lehnte sich leicht an die Aufzugwand. — Du hast diesen Blick, als würdest du gleich zusammenbrechen, aber du lässt es niemanden sehen.
Sie hob eine Augenbraue, doch sie leugnete es nicht. Stattdessen verschränkte sie die Arme, als wollte sie sich schützen. — Und du? Hattest du auch einen langen Tag?
— Ich? — Daniel lachte und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. — Ich hatte eine großartige Nacht. Ausverkauftes Konzert, verrücktes Publikum, dieses Gefühl, dass alles möglich ist. Aber jetzt? Jetzt bin ich auf eine gute Art erschöpft. Weißt du, wie das ist?
Laura wusste es nicht. Nicht wirklich. Doch etwas in der Art, wie er sprach – im Rhythmus seiner Stimme, im Glanz seiner Augen – ließ sie einen Stich der Eifersucht spüren. Wann hatte sie sich das letzte Mal so gefühlt? Erschöpft, ja, aber auf eine gute Art?
— Nein — gab sie zu und überraschte sich damit selbst. — Ich weiß nicht, wie das ist.
Daniel musterte sie einen Moment, als würde er abwägen, ob er weiter nachhaken sollte. Doch dann öffneten sich die Aufzugtüren mit einem *Ding* und bewahrten sie davor, das Gespräch fortsetzen zu müssen.
— Zwölfter Stock — verkündete er und deutete ihr mit einer Geste an, vor ihm hinauszugehen.
Laura ging an ihm vorbei, die Absätze klackten auf dem teppichbelegten Flur. Der Duft von Lavendel und poliertem Holz stieg ihr in die Nase, vermischt mit dem dezenten Aroma von Daniels Parfüm – etwas Zitrusartiges mit einem Hauch von Gewürzen. Sie blickte nicht zurück, spürte aber das Gewicht seines Blicks im Rücken, als würde er sich jedes Detail einprägen.
Daniel folgte ihr einige Schritte hinterher und beobachtete, wie sie sich bewegte – präzise, aber ohne Steifheit. Es lag etwas Hypnotisches darin. Als sie vor der Tür zu Zimmer 1210 stehen blieb, verlangsamte er seine Schritte und tat so, als würde er etwas in seinen Taschen suchen.
— Gute Nacht — sagte sie, ohne sich umzudrehen, während sie den Magnetschlüssel ins Schloss steckte.
— Gute Nacht — antwortete er und blieb vor der Tür zu Zimmer 1208 stehen, gleich daneben.
Einen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke. Es gab keine Worte, nur ein stilles Einverständnis – als wüssten beide, dass dieser kurze, oberflächlich belanglose Moment in Wahrheit der Anfang von etwas war.
Laura betrat ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich, lehnte sich einen Moment dagegen. Ihr Herz schlug schneller als es sollte. Sie atmete tief durch und versuchte, sich zu sammeln.
Auf der anderen Seite der Wand lächelte Daniel, als er das Klicken des Schlosses hörte. Er stellte die Gitarre auf den Ständer neben dem Bett und zog das Jackett aus, warf es über einen Stuhl. Dann ging er zum Fenster und zog die Vorhänge auf, gab den Blick auf die nächtliche Stadt frei – flackernde Lichter, erleuchtete Gebäude, das ferne Glitzern von Autolichtern.
Er wusste nicht, was als Nächstes passieren würde.
Aber er hatte das Gefühl, dass es interessant werden würde.
Der Aufzug fuhr mit einem sanften Summen nach oben, als würde er das Gewicht all der unausgesprochenen Dinge dieser Nacht tragen. Laura drückte den Knopf für den zwölften Stock fester als nötig, die Finger kribbelten noch von der schnellen Berührung des Magnetschlüssels in ihrer Handfläche. Die Tür schloss sich mit einem metallischen Seufzer, und sie fand sich in dem zu kleinen Raum wieder, der das Echo ihrer eigenen Gedanken kaum fassen konnte.
Oder fast allein.
Daniel betrat den Aufzug im letzten Moment, die Schritte leicht trotz der Müdigkeit, die sich in seinen Schultern abzeichnete. Er blickte sie nicht sofort an – oder tat zumindest so –, doch Laura spürte den genauen Moment, in dem er sie registrierte. Die Luft zwischen ihnen verdichtete sich, als hätte jemand eine Handvoll Sternenstaub in den Raum geworfen, etwas, das gleichzeitig leuchtete und brannte. Sie blieb mit dem Rücken zu ihm stehen, die Augen auf das beleuchtete Display gerichtet, das die Stockwerke in kalten Zahlen anzeigte, doch die Haut in ihrem Nacken sträubte sich, als sie bemerkte, dass er direkt neben ihr stehen geblieben war, nah genug, dass die Wärme seines Körpers durch den dünnen Stoff ihrer Bluse drang.
— Auch der zwölfte? — Seine Stimme war tief, rau, als hätte er die ganze Nacht in einem überfüllten Club gesungen. Oder vielleicht lag es nur am Alkohol, an der Müdigkeit, an dieser seltsamen Spannung, die sie wie Magnete zueinander zog.
Laura nickte, ohne sich umzudrehen. — Ja.
Eine Pause. Der Aufzug hielt im achten Stock, doch niemand stieg ein. Die Türen schlossen sich wieder, und die Aufwärtsbewegung setzte langsamer wieder ein, als würde das Gebäude selbst wissen, dass hier drinnen etwas war, das es zu verlängern galt.
— Bist du Gast hier oder…? — Daniel ließ die Frage in der Luft hängen, als wüsste er, dass sie nicht mit der ganzen Wahrheit antworten würde. Laura war Managerin, ja, aber in diesem Moment wollte sie nichts weiter sein als eine Frau in einem Aufzug mit einem Mann, der sie auf eine Weise ansah, die nicht aufdringlich, sondern… neugierig war. Als wollte er sie Stück für Stück auseinandernehmen, nur um zu sehen, wie sie funktionierte.
— Ich bin geschäftlich hier — sagte sie schließlich und drehte sich gerade so weit um, dass er ihr Profil sehen konnte, die Linie ihres Kiefers, den dezenten Glanz des Lippenstifts, der bereits zu verblassen begann. — Und du?
— Konzert. — Er lächelte, und es war, als würde der ganze Aufzug erleuchtet. — Gerade erst vorbei.
— Du musst erschöpft sein.
— Nicht so sehr, wie es scheint. — Seine Augen glitten für eine Sekunde nach unten, zu schnell, um aufdringlich zu wirken, aber langsam genug, dass Laura das Gewicht dieser Bewertung spürte. Sie trug einen grauen Hosenanzug, elegant, makellos, doch die Seidenbluse darunter hatte einen dezenten Ausschnitt, und der Stoff schmiegte sich an die Konturen ihrer Brüste, wann immer sie tief einatmete. Daniel bemerkte es. Sie bemerkte, dass er es bemerkte. Und keiner von beiden sagte etwas.
Der Aufzug hielt erneut. Zehnter Stock. Die Türen öffneten sich und enthüllten ein älteres Paar, das leise miteinander sprach. Sie stiegen ein, und plötzlich wurde der Raum noch enger, erstickend. Laura rückte näher an die Wand, die Finger streiften das kalte Metallgeländer. Daniel tat dasselbe, doch mit Absicht, als wollte er, dass sich ihre Arme berührten. Sie berührten sich nicht. Aber fast.
— Fahren Sie auch in den zwölften Stock? — fragte die ältere Dame freundlich.
— Ja — antwortete Laura, bevor Daniel den Mund öffnen konnte. Es lag etwas Besitzergreifendes in diesem „Ja“, als würde sie etwas beanspruchen. Oder jemanden.
Der Mann drückte den Knopf, und der Aufzug setzte seine langsame Fahrt fort. Laura konnte Daniels Parfüm riechen – etwas Holziges mit einem Hauch von Leder und sauberem Schweiß, als wäre er gerade von einer Bühne gestiegen und trüge noch die Energie der Musik in sich. Sie atmete diskret ein und ließ den Duft sich mit ihrem eigenen vermischen, einem teuren, blumigen Parfüm mit Vanillenoten, das sie immer mächtig fühlen ließ. Zusammen schufen die Düfte etwas Neues, etwas, das weder ihm noch ihr gehörte, sondern dem Raum zwischen ihnen.
— Was spielst du? — fragte Laura und überraschte sich damit selbst. Normalerweise begann sie keine Gespräche mit Fremden, schon gar nicht in Aufzügen. Doch etwas an Daniel ließ sie ihre eigenen Regeln brechen wollen.
— Gitarre. — Er neigte den Kopf, als würde er abwägen, ob er mehr erzählen sollte oder nicht. — Und ich singe ein bisschen.
— Ein bisschen? — Sie hob herausfordernd eine Augenbraue.
Daniel lachte, und der Klang vibrierte in Lauras Brust wie eine Schwingung. — Okay, ich singe viel. Aber nur, wenn ich betrunken genug bin, um zu glauben, dass die Leute mich hören wollen.
— Und wollen sie?
— Meistens nicht. — Er zuckte mit den Schultern, doch seine Augen funkelten vor einer Selbstsicherheit, die seine Worte Lügen strafte. — Aber ich singe trotzdem gern.
Der Aufzug hielt. Zwölfter Stock. Die Türen öffneten sich, und das ältere Paar stieg aus, ließ sie wieder allein. Laura zögerte einen Moment, bevor sie hinausging, als wollte sie diesen Moment nicht enden lassen. Auch Daniel rührte sich nicht.
— Also… — begann er, ohne den Satz zu beenden.
— Also — wiederholte sie, als könnten die Worte sich von selbst ergänzen.
Die Stille kehrte zurück, schwerer als zuvor. Laura machte einen Schritt nach vorn, doch Daniel bewegte sich nicht. Sie spürte die Wärme seines Körpers hinter sich, so nah, dass ihre Lippen nur Zentimeter voneinander entfernt gewesen wären, wenn sie sich umgedreht hätte. Er berührte sie nicht. Er sagte nichts. Doch die Luft zwischen ihnen war so dicht, dass sie ihn fast schmecken konnte – etwas Süßes und Bitteres, wie Whisky, der in Eichenfässern gereift war.
— Gute Nacht, Laura — sagte er schließlich, die Stimme so leise, dass sie ihn kaum hörte.
Sie drehte sich überrascht um. — Du kennst meinen Namen?
Daniel deutete auf den Magnetschlüssel, den sie in der Hand hielt. Der Name stand in kleinen, fast unsichtbaren Buchstaben darauf. — 1207. Laura M.
Sie lachte, ein sanfter, unerwarteter Klang. — Und deiner?
— Daniel. — Er streckte die Hand aus, als würden sie einen Vertrag besiegeln. — Freut mich.
Laura blickte auf seine Hand – lang, schlanke Finger, kurze Nägel, eine feine Narbe auf dem Handrücken, als hätte er sich an einer Gitarrensaite geschnitten. Sie zögerte, doch dann legte sie ihre Hand in seine. Die Berührung war elektrisch. Kein Schlag, sondern ein langsamer, warmer Strom, der ihren Arm hinaufkroch und sich in ihrer Brust niederließ, ihr Herz schneller schlagen ließ.
— Freut mich, Daniel — flüsterte sie, ohne seine Hand loszulassen.
Auch er ließ nicht los. Einen Moment lang standen sie so da, regungslos im leeren Flur, die Hände verbunden, als wären sie das Einzige, was sie in diesem Moment verankerte. Dann zog Laura ihre Hand langsam zurück und spürte den sanften Widerstand seiner Finger, bevor sie sich lösten.
— Gute Nacht — sagte sie und trat einen Schritt zurück.
— Gute Nacht — antwortete er, doch er rührte sich nicht.
Laura ging zur Tür von Zimmer 1207, spürte Daniels Blick wie Feuer in ihrem Rücken. Sie steckte den Magnetschlüssel ins Schloss, doch bevor sie eintrat, blickte sie über die Schulter.
Er stand noch da.
Und lächelte.
Sie betrat das Zimmer und schloss die Tür, doch nicht, bevor sie das leise Klicken der Tür von Zimmer 1208 nebenan gehört hatte. Einen Moment lang blieb sie regungslos an das kalte Holz gelehnt stehen und lauschte den gedämpften Geräuschen von der anderen Seite – das Klirren einer Flasche, die auf eine Oberfläche gestellt wurde, das Knarren eines Bettes, das lange Seufzen von jemandem, der sich darauf fallen ließ.
Laura legte die Hand auf die Brust, als könnte sie den schnellen Rhythmus ihres Herzens beruhigen. Doch es war keine Angst. Es war Vorfreude.
Und sie wusste mit einer Gewissheit, die aus ihrem Innersten kam, dass diese Nacht noch lange nicht vorbei war.
Laura drehte den Magnetschlüssel zwischen den Fingern mit einer fast absichtlichen Zerstreutheit, als wäre das kleine Plastikrechteck ein Talisman, der das Unvermeidliche hinauszögern konnte. Der Flur im zwölften Stock lag in einem goldenen Schweigen, nur erleuchtet von den bernsteinfarbenen Wandleuchten, die lange Schatten auf den dicken Teppich warfen. Die Luft roch nach Zitronenwachs und dem zurückbleibenden Parfüm der Gäste, die hier vorbeigekommen waren – ein warmer, zitrusartiger Duft, der sich mit dem leichten Schweißgeruch ihrer eigenen Haut vermischte, nach Stunden in klimatisierten Räumen.
Sie blieb vor der Tür zu Zimmer 1207 stehen, die Absätze versanken leicht im weichen Teppich, und neigte den Kopf zur Seite, als würde sie etwas jenseits ihres eigenen Herzschlags hören. Das Echo von Daniels Tür, die sich schloss, hallte noch in ihrer Erinnerung nach, dieses leise *Klicken*, das wie eine Einladung geklungen hatte. Oder vielleicht war es nur das Verlangen, das banale Geräusche in Zeichen verwandelte. Laura atmete tief durch und spürte das Gewicht des Blazers auf ihren Schultern, die Seide der Bluse, die leicht an ihrem Rücken klebte. Sie brauchte eine Dusche. Sie brauchte ein Glas Wein. Vor allem aber musste sie entscheiden, ob sie an die Tür nebenan klopfen würde oder nicht.
Genau in diesem Moment – zwischen Zögern und Bewegung – rutschte ihr der Schlüssel aus den Fingern.
Es war keine dramatische Geste. Nur ein fast unmerkliches Gleiten, als hätte das Ding selbst beschlossen, dass es noch nicht Zeit war einzutreten. Er fiel mit einem dumpfen Aufprall auf den Teppich, und Laura seufzte frustriert, mehr mit sich selbst als mit der Situation. Langsam beugte sie sich hinunter, die Knie knackten leicht, und streckte die Hand aus, um ihn aufzuheben. Da bemerkte sie, dass sie nicht allein war.
Daniel stand nur wenige Meter entfernt, an die gegenüberliegende Wand gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Er beobachtete sie mit einem halben Lächeln, als hätte er gewusst, dass das passieren würde. Seine Augen – dunkel, fast schwarz in diesem Licht – funkelten mit einer Intensität, die Laura innehalten ließ, bevor sie sich bewegte. Er sagte nichts. Hob nur eine Augenbraue, als würde er sie herausfordern, so zu tun, als hätte sie ihn nicht gesehen.
Langsam richtete Laura sich auf und hielt den Schlüssel wie einen Schild vor die Brust. Der Stoff der Bluse streifte über ihre Brustwarzen, die bereits vom kalten Luftzug der Klimaanlage und seiner Gegenwart hart geworden waren. Sie spürte, wie die Hitze in ihren Nacken stieg und ihre Wangen brannten.
— Stehst du immer so da und spionierst tollpatschige Gäste aus? — fragte sie und versuchte, selbstsicherer zu klingen, als sie sich fühlte.
Daniel löste sich mit einer lässigen Bewegung von der Wand, die Muskeln seiner Arme spannten sich unter dem schwarzen T-Shirt. Er machte einen Schritt nach vorn, dann noch einen, bis er weniger als einen Meter von ihr entfernt stehen blieb. Sein Duft erreichte sie, noch bevor er sie berühren konnte – eine Mischung aus gealtertem Leder, Zitronenseife und etwas Tieferem, das an verbranntes Holz und von der Sonne erwärmte Haut erinnerte.
— Nur, wenn die tollpatschige Gast interessant ist — antwortete er, die Stimme leise, fast ein Flüstern. — Und du, Laura, bist *sehr* interessant.
Ihr Name klang wie eine Liebkosung aus seinem Mund. Laura spürte, wie ein Schauer ihr Rückgrat hinablief, bis in den unteren Rücken. Sie erinnerte sich nicht, ihm ihren Namen im Aufzug gesagt zu haben. Vielleicht hatte er ihn an der Rezeption gehört. Vielleicht hatte er gefragt. Oder vielleicht – und diese Möglichkeit erregte sie mehr, als sie sollte – wusste er es einfach.
— Du bist ein Beobachter — sagte sie, ohne den Blick von ihm abzuwenden. — Das ist gefährlich.
— Oder faszinierend — konterte er und streckte die Hand aus. — Darf ich?
Laura zögerte einen Moment, bevor sie ihm den Schlüssel in die Handfläche legte. Daniels Finger waren lang, an den Spitzen schwielig, als würden sie stundenlang gegen Gitarrensaiten gedrückt. Als er seine Hand um ihre schloss, um den Schlüssel zu nehmen, rieb die raue Haut über ihre und sandte einen elektrischen Strom durch ihren Arm. Sie wich nicht zurück. Er auch nicht.
Daniel trat näher an die Tür heran und steckte den Magnetschlüssel mit einer Präzision ins Schloss, die Vertrautheit verriet. Der Mechanismus klickte leise, und das grüne Licht blinkte. Er drehte den Knauf und schob die Tür einige Zentimeter auf, öffnete sie aber nicht vollständig. Stattdessen drehte er sich zu Laura um, den Schlüssel noch zwischen den Fingern.
— So funktioniert es besser — sagte er und zeigte ihr, wie sie die Finger halten sollte. — Geringere Chance, ihn fallen zu lassen.
Er nahm ihre Hand erneut und führte sie, um den Schlüssel zu umschließen. Seine Finger bedeckten ihre, warm und fest, und Laura spürte, wie sich die Wärme in ihrem Körper ausbreitete, als würde er viel mehr berühren als nur ihre Hand. Sein Daumen streifte leicht über ihre Handfläche, eine langsame, absichtliche Bewegung, und sie hielt den Atem an.
— Siehst du? — murmelte er, sein Mund so nah an ihrem Ohr, dass sie seinen warmen Atem auf der Haut spürte. — Jetzt verlierst du ihn nicht mehr.
Sie hätte sich zurückziehen sollen. Hätte danken und das Zimmer betreten, die Tür hinter sich schließen sollen. Doch die Worte erstarben in ihrer Kehle, als er den Kopf neigte und seine Lippen fast ihr Ohrläppchen berührten.
— Oder willst du ihn *verlieren*? — flüsterte er.
Laura schloss für einen Moment die Augen und spürte, wie ihr ganzer Körper auf diese Frage reagierte. Als sie sie wieder öffnete, blickte Daniel sie mit einem Ausdruck an, der Belustigung und Verlangen mischte, als kenne er die Antwort bereits.
— Vielleicht — gab sie zu, die Stimme rauer als beabsichtigt.
Er lächelte langsam und gefährlich und ließ ihre Hand langsam los, seine Finger glitten über ihre, bis sie sich vollständig lösten. Die Berührung hinterließ eine Spur von Feuer auf ihrer Haut.
— In diesem Fall — sagte er und trat einen Schritt zurück —, solltest du mich auf einen Drink einladen.
Laura spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Ein Drink. Es war eine einfache, fast unschuldige Idee. Doch nichts zwischen ihnen fühlte sich in diesem Moment unschuldig an.
— Und wenn ich nein sage? — provozierte sie und neigte den Kopf.
Daniel trat noch einen Schritt zurück und steckte die Hände in die Taschen seiner Jeans. Der Stoff spannte sich über seinen Oberschenkeln und zeichnete Muskeln nach, die Laura nicht übersehen konnte.
— Dann muss ich akzeptieren, dass du stärker bist als ich — sagte er mit einem Achselzucken. — Aber irgendetwas sagt mir, dass du nicht der Typ bist, der vor einer Herausforderung zurückschreckt.
Laura lächelte und spürte das Gewicht des Schlüssels in ihrer Hand. Er hatte recht. Sie wich nie zurück.
— Die Bar ist im Erdgeschoss — sagte sie schließlich. — Zehn Minuten.
Daniel nickte, sein Lächeln wurde breiter.
— Zehn Minuten — wiederholte er. — Ich werde warten.
Er drehte sich um und ging zurück zu Zimmer 1208, die Schritte leise auf dem Teppich. Laura beobachtete, wie er eintrat, die Tür sich mit einem leisen *Klicken* schloss, und erst dann bemerkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte.
Zehn Minuten.
Sie hatte zehn Minuten, um zu entscheiden, ob diese Nacht so enden würde, wie sie begonnen hatte – mit geschlossenen Türen und unterdrückten Sehnsüchten – oder ob sie endlich zulassen würde, dass etwas geschah.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit war Laura sich nicht sicher, was sie wollte.
Die Hotelbar war einer dieser Orte, die am Morgen vergessen werden sollten, sich nachts jedoch in einen Zufluchtsort aus Schatten und Versprechungen verwandelten. Das Licht war gedämpft, golden, gefiltert durch milchige Glasschirme, die diffuse Lichtkreise über die dunklen Holztische warfen. Die Luft roch nach gereiftem Bourbon, nach dem Leder der Sitzbänke und nach etwas Subtilerem – Lauras zitrusartigem Parfüm, das Daniel bereits erkannte, noch bevor er sie sah.
Sie war zuerst da.
Sie saß in der hintersten Ecke der Theke, ein halbvolles Glas Rotwein vor sich, die langen Finger spielten mit dem Stiel des Glases. Das schwarze Kleid, zuvor makellos, schien für diesen Moment gemacht: der dezente Ausschnitt zeigte gerade genug, um zu suggerieren, nicht zu enthüllen, und der enge Rock endete einige Zentimeter über den Knien, ließ ihre gekreuzten Beine sehen, von denen eines leicht im Takt einer Musik wippte, die nur sie hörte. Als Daniel sich näherte, hob sie den Blick, und das Lächeln, das sie ihm schenkte, war langsam, fast träge, als wüsste sie bereits, dass diese Nacht anders sein würde.
— Du bist gekommen — sagte sie, und es lag eine Herausforderung in ihrer Stimme, als könnte sie noch immer nicht glauben, dass er den Mut gehabt hätte.
Daniel setzte sich neben sie und ließ nur einen minimalen Abstand zwischen ihnen, gerade genug, dass die Wärme von Lauras Körper gegen seinen strahlte. Er bestellte einen Whisky mit Eis, der Barkeeper nickte mit der Vertrautheit eines Mannes, der solche Begegnungen schon oft gesehen hatte. Als das Glas kam, drehte er die bernsteinfarbene Flüssigkeit ein-, zweimal, bevor er sie an die Lippen führte.
— Ich sagte doch, ich würde warten — antwortete er mit rauer Stimme. — Und ich halte meine Versprechen.
Laura lachte, ein tiefer, musikalischer Klang, der Daniel den Wunsch eingab, jede Note davon im Gedächtnis zu bewahren. Sie neigte den Kopf und musterte ihn mit einem Interesse, das über oberflächliche Neugier hinausging.
— Bist du immer so? — fragte sie. — So selbstsicher?
— Nur, wenn ich Grund dazu habe.
— Und was ist der Grund jetzt?
Er antwortete nicht sofort. Stattdessen streckte er die Hand aus und strich mit den Fingerknöcheln über ihren Handrücken, eine leichte, fast unmerkliche Berührung, die Laura den Atem anhalten ließ. Der Wein in ihrem Glas zitterte leicht.
— Du — sagte er schließlich. — Du bist der Grund.
Laura wich nicht aus. Sie war nicht der Typ Frau, der bei leichten Worten dahinschmolz, doch etwas in der Art, wie er sprach – als wäre jede Silbe eine Einladung, keine Falle – ließ sie glauben wollen. Sie führte das Glas an die Lippen und ließ den Wein sich auf ihrer Zunge ausbreiten, süß und erdig, bevor sie schluckte.
— Du bist Musiker — sagte sie und wechselte das Thema, nicht aber den Ton. — Du musst viele Menschen wie mich kennen. Frauen, die dir nach einem Konzert zu Füßen liegen.
Daniel lachte, ein tiefer Klang, der in Lauras Brust vibrierte.
— Frauen fallen jedem zu Füßen, der drei Akkorde spielen und im richtigen Moment lächeln kann — sagte er und drehte den Whisky im Glas. — Aber du bist nicht der Typ, der fällt. Du bist der Typ, der beobachtet. Der wählt.
— Und was lässt dich denken, dass ich dich gewählt habe?
— Weil du hier bist.
Laura antwortete nicht. Stattdessen streckte sie die Hand aus und nahm sein Glas, führte es ohne Erlaubnis an die Lippen. Der Whisky brannte in ihrer Kehle, doch das kümmerte sie nicht. Als sie das Glas zurückgab, streiften ihre Finger seine, und Daniel wich nicht zurück. Einen Moment lang rührte sich keiner von beiden, als warteten sie darauf, zu sehen, wer den Bann zuerst brechen würde.
Es war Laura, die sprach.
— Du bist gefährlich — murmelte sie.
— Warum?
— Weil du die Dinge einfach aussehen lässt.
— Und sind sie das nicht?
— Nie.
Daniel lächelte und beugte sich etwas näher. Ihr Duft – etwas Blumiges mit einer Note Vanille – umhüllte ihn, und er musste sich beherrschen, um nicht sofort das Gesicht in ihren Nacken zu vergraben, mitten in der Bar.
— Dann lass uns die Dinge komplizieren — schlug er vor.
Laura lachte, doch es lag ein Zittern in ihrer Stimme.
— Sprichst du immer so mit Fremden in Hotelbars?
— Nur mit denen, die ihre Schlüssel auf dem Flur fallen lassen.
Sie hob eine Augenbraue, leugnete es aber nicht. Stattdessen nahm sie ihr Weinglas und leerte es in einem langen Zug, als würde sie sich auf etwas vorbereiten. Als sie es zurück auf die Theke stellte, funkelten ihre Augen mit einer Intensität, die Daniel zuvor noch nicht gesehen hatte.
— Erzähl mir etwas — sagte sie. — Was machst du, wenn du nicht spielst?
— Leben — antwortete er schlicht. — Reisen. Trinken. In Betten schlafen, die nicht mein eigenes sind. Und du?
— Arbeiten.
— Nur das?
— Das hält mich beschäftigt.
— Und was hält dich wach?
Laura zögerte. Die Bar war jetzt voller, Körper bewegten sich im Takt einer langsamen Musik, die aus den Lautsprechern kam, doch für sie existierten nur Daniels Augen, dunkel und aufmerksam.
— Manchmal nichts — gab sie zu. — Manchmal alles.
Daniel streckte die Hand aus und berührte ihr Handgelenk, seine Finger glitten über die weiche Haut, bis sie die Stelle fanden, wo ihr Puls schneller schlug. Laura wich nicht zurück.
— Und jetzt? — fragte er.
Sie antwortete nicht mit Worten. Stattdessen beugte sie sich vor, ihre Lippen fast seine berührend, doch einen Hauch entfernt.
— Jetzt — flüsterte sie —, will ich es herausfinden.
Der Kuss geschah nicht dort. Noch nicht. Daniel lächelte, als kenne er ein Geheimnis, das sie noch nicht entschlüsselt hatte, und lehnte sich zurück, die Finger noch immer um ihr Handgelenk.
— Dann finden wir es gemeinsam heraus.
Die Musik wechselte. Etwas Langsameres, Intimeres, eine Frauenstimme, die von verbotenen Sehnsüchten und endlosen Nächten sang. Laura stand auf, das Kleid schmiegte sich an die Kurven ihres Körpers, als sie Daniel die Hand reichte.
— Tanz mit mir.
Es war keine Bitte.
Daniel zögerte nicht. Er stand auf, ihre Hand passte in seine, als hätte sie immer dorthin gehört, und zog sie auf die kleine improvisierte Tanzfläche zwischen den Tischen. Es gab keinen Platz für ausgefeilte Bewegungen, doch das spielte keine Rolle. Laura trat näher, ihre Hände legten sich auf seine Schultern, die Finger spielten mit dem Kragen seines Hemdes. Daniel zog sie noch näher, eine Hand an ihrer Taille, die andere glitt ihren Rücken hinab, bis sie die Kurve ihrer Wirbelsäule fand.
Sie bewegten sich langsam, fast ohne den Platz zu verlassen, ihre Körper passten sich an, als wären sie für diese Verbindung gemacht. Laura legte den Kopf an seine Schulter, ihre Lippen streiften die warme Haut seines Halses, und Daniel schloss die Augen, spürte ihren Duft, die Wärme, die Verheißung von etwas, das noch keinen Namen hatte.
— Du riechst nach Zigaretten und Whisky — murmelte sie.
— Und du riechst nach etwas, das ich probieren möchte.
Laura hob den Kopf, ihre Augen trafen seine. Da war etwas, ein Funke, den keiner von beiden länger ignorieren konnte.
— Dann probier.
Daniel brauchte keine weitere Aufforderung. Die Hand, die auf ihrem Rücken lag, glitt zu ihrem Nacken, seine Finger vergruben sich in ihrem offenen Haar, und er zog sie in einen Kuss, der nicht mehr sanft oder zögerlich war. Er war heiß, drängend, ihre Lippen passten sich an, ihre Zungen trafen sich in einem Rhythmus, der nachahmte, was ihre Körper bereits konnten.
Laura stöhnte leise gegen seinen Mund, ihre Nägel gruben sich in seine Schultern, und Daniel drückte sie fester an sich, spürte jede Kurve, jeden unterbrochenen Atemzug. Als sie sich voneinander lösten, waren beide außer Atem, die Lippen geschwollen, die Augen dunkel vor Verlangen.
— Die Bar schließt — sagte sie mit rauer Stimme.
Daniel blickte sich um. Tatsächlich verließen die letzten Gäste den Raum, der Barkeeper begann bereits, die Lichter zu löschen.
— Dann gehen wir woanders hin.
Laura antwortete nicht. Sie nahm nur seine Hand und zog ihn in Richtung der Aufzüge, die Schritte schnell, die Körper eng aneinandergedrückt, als hätten sie Angst, die Welt würde sie trennen, bevor sie ihr Ziel erreichten.
Der Aufzug war leer.
Sobald sich die Türen schlossen, drängte Daniel sie gegen die verspiegelte Wand, seine Hände hielten ihr Gesicht, während er sie erneut küsste, hungriger, drängender. Laura erwiderte den Kuss, ihre Finger zogen sein Hemd aus der Hose, ihre Nägel kratzten über die freigelegte Haut seines Bauches.
— Du hast keine Ahnung, was du mit mir anstellst — murmelte er gegen ihre Lippen.
— Dann zeig es mir.
Die Aufzugtüren öffneten sich.
Keiner von beiden rührte sich.
Der Aufzug piepte, ein schrilles, metallisches Geräusch, das die Luft wie eine Klinge durchschnitt. Die Türen öffneten sich zum leeren Flur, nur erleuchtet vom bernsteinfarbenen Licht der Wandleuchten, doch keiner von beiden bewegte sich. Laura spürte das Gewicht von Daniels Körper gegen ihren, den Druck seiner Hüften, die sich an ihre schmiegten, seinen warmen Atem an ihrem Hals. Der Spiegel hinter ihnen reflektierte die Szene: zwei ineinander verschlungene Körper, die Kleidung bereits in Unordnung, die Lippen rot und feucht.
— *Los* — flüsterte sie, die Stimme fast ein Stöhnen, die Finger noch immer in seine Haut gekrallt.
Daniel antwortete nicht mit Worten. Stattdessen packte er sie an der Taille und drehte sie herum, schob sie mit einer abrupten Bewegung aus dem Aufzug. Laura stolperte leicht, doch er hielt sie fest und drückte sie gegen die Flurwand, noch bevor sie das Gleichgewicht wiederfinden konnte. Der kalte Putz kontrastierte mit der Hitze seines Mundes, der sich über ihr Kinn, ihren Hals hinabbewegte und eine Spur feuchter Küsse hinterließ, bis er ihr Ohrläppchen fand.
— Du bist *unerträglich* — murmelte er und biss leicht in die empfindliche Haut. — Wusstest du, dass ich dich von der ersten Sekunde an so wollte?
Laura bog den Rücken durch und spürte, wie ihr ganzer Körper kribbelte. Seine Hände glitten nach unten, zogen den engen Rock hoch, bis der Stoff sich um ihre Taille bauschte. Seine Finger fanden den Spitzenstoff ihres Slips, bereits feucht, und er stieß ein kehliges Geräusch aus, fast ein Knurren.
— *Beweis es* — forderte sie mit zitternder Stimme.
Daniel brauchte keine weitere Aufforderung. Mit einer schnellen Bewegung schob er den Stoff zur Seite und drang mit zwei Fingern in sie ein, langsam, tief. Laura stöhnte auf, die Knie wurden weich, doch er hielt sie aufrecht, die freie Hand packte ihr Kinn, damit sie ihm in die Augen blickte.
— So? — fragte er mit rauer Stimme, die Finger bewegten sich in langsamen, absichtlichen Kreisen. — Oder so?
Sie konnte nicht antworten. Ihr Mund öffnete sich in einem stummen Seufzer, der ganze Körper spannte sich um seine Finger. Daniel bemerkte es und änderte den Winkel, traf eine Stelle, die sie den Rücken durchbiegen und einen Schrei ausstoßen ließ.
— *Genau so* — murmelte er. — *Komm für mich.*
Und sie kam. Der Orgasmus traf sie wie eine Welle, ihr ganzer Körper zitterte, die Muskeln zogen sich um ihn zusammen. Daniel hörte nicht auf, bewegte sich weiter und verlängerte das Vergnügen, bis sie keuchend, verschwitzt und fast kraftlos war. Erst dann drehte er sie um, legte sie aufs Bett und bedeckte ihren Körper mit seinem.
— *Es ist noch nicht vorbei* — versprach er und küsste sie mit neu entfachtem Hunger.
Laura schlang die Beine um seine Taille und zog ihn näher, spürte, wie er erneut in sie eindrang, diesmal langsamer, aber nicht weniger intensiv. Seine Hände erkundeten ihren Körper – die Brüste, die Kurve ihrer Taille, die empfindliche Haut an der Innenseite ihrer Oberschenkel – während er sich in ihr bewegte, jeder Stoß ließ sie stöhnen.
— *Daniel* — flüsterte sie, die Finger in seinem Haar vergraben. — *Ich will nicht… ich will nicht, dass es aufhört.*
Er lächelte langsam und gefährlich und verlangsamte das Tempo noch mehr, ließ sie jeden Zentimeter von sich spüren.
— *Dann hört es nicht auf* — murmelte er und küsste sie erneut. — *Die Nacht gehört uns.*
Und in diesem Moment glaubte Laura ihm. Denn unter ihm, mit dem Körper noch zitternd vor Lust, konnte sie sich nichts anderes vorstellen – seine Hände auf ihrer Haut, sein Mund auf ihrem, sein Gewicht über ihr, in ihr, erfüllte sie auf eine Weise, die weit über das Körperliche hinausging.
Doch dann vibrierte Daniels Handy in der Tasche seiner auf dem Boden liegenden Hose. Er ignorierte es, doch das Geräusch hielt an, eine nervige Beharrlichkeit in der Stille des Zimmers.
Laura lachte leise und atemlos.
— *Du solltest rangehen.*
Daniel brummte, doch er löste sich gerade so weit, um das Gerät zu greifen. Der Name auf dem Display ließ sein Lächeln für einen Moment verschwinden.
— *Das ist der Hotelmanager* — sagte er, die Stimme plötzlich angespannt. — *Wahrscheinlich wegen des Lärms.*
Laura hob amüsiert eine Augenbraue.
— *Lärm?*
Er warf das Handy beiseite, ohne ranzugehen.
— *Ich sage, es war der Nachbar.*
Und dann zog er sie wieder an sich, seine Lippen fanden ihre erneut, als wäre nichts anderes wichtig.
Doch irgendwo in Lauras Hinterkopf blieb eine Frage in der Luft hängen: *Warum würde der Manager um diese Uhrzeit anrufen?*
Das Morgenlicht drang in Zimmer 1208 ein wie ein ungebetener Gast, glitt durch die Ritzen der schlecht geschlossenen Vorhänge und fiel auf die zerwühlten Laken. Laura erwachte langsam, die Muskeln noch kribbelnd von der Erinnerung an die vergangene Nacht – das Gewicht von Daniels Armen um sie, die Hitze seiner Haut an ihrer, der langsame, absichtliche Rhythmus, mit dem er sie in den frühen Morgenstunden geweckt hatte, als wäre die Zeit nur für sie stehengeblieben. Sie streckte die Arme über den Kopf und spürte den köstlichen Schmerz in ihren Schultern, eine körperliche Erinnerung an das, was sie getan hatten. Das Zimmer roch nach Sex und Daniels zitrusartigem Parfüm, vermischt mit dem leicht holzigen Duft der Hotel-Seife.
Als sie den Kopf zur Seite drehte, fand sie das Kissen neben sich leer, doch noch eingedrückt in der Form eines Kopfes. Das Bett war kalt, wo er hätte liegen sollen. Für einen Moment schlug Lauras Herz schneller – war er gegangen, ohne sich zu verabschieden? Doch dann fiel ihr Blick auf den Nachttisch, wo ein gefaltetes Stück Papier neben einem halbvollen Glas Wasser und ihrem Handy lag, das sie nicht einmal bemerkt hatte, dort abgelegt zu haben.
Sie stützte sich auf einen Ellbogen, die nackten Brüste streiften das Baumwolllaken, und nahm den Zettel. Daniels Handschrift war nachlässig, nach rechts geneigt, als hätte er in Eile geschrieben oder sich keine Mühe mit der Schrift gegeben. *"Laura, danke für die unerwartetste (und köstlichste) Nacht der letzten Zeit. Falls du mal in São Paulo bist oder ich wieder hier auftauche, ruf an. Oder auch nicht. Aber ich würde es gern wiederholen. – D. P.S.: Mach dir keine Sorgen wegen des Managers. Ich hab gesagt, es war der Nachbar. (Spoiler: Er hat’s geglaubt.)"*
Sie lachte leise und strich mit den Fingern über die Worte, als könnte sie seine Berührung darin spüren. Das Papier war dünn, fast durchscheinend, und roch leicht nach Zigarettenrauch und dem Parfüm, das noch an ihrer Haut haftete. Laura faltete den Zettel sorgfältig und steckte ihn in ihre Handtasche, zwischen den Lippenstift und die Geldbörse, als wäre es ein kostbares Geheimnis. Dann nahm sie ihr Handy. Es gab eine ungelesene Nachricht, gesendet um 6:47 Uhr – zu einer Zeit, als sie noch schlief, an seine Brust geschmiegt.
*"Neben dir aufzuwachen war der beste Teil der Nacht. Aber ich wollte dich nicht erschrecken. Wenn du Kaffee willst, bin ich im Restaurant im Erdgeschoss. Wenn nicht, verstehe ich das. Auf jeden Fall war jede Sekunde es wert.""
Sie biss sich auf die Unterlippe und spürte, wie ihr warm wurde. Sie war nicht der Typ, der sich auf One-Night-Stands einließ – eigentlich war sie das noch nie gewesen. Sie war immer praktisch, rational, die Frau, die Risiken kalkulierte und Variablen kontrollierte. Doch hier, in diesem Zimmer, das nicht ihres war, mit dem Körper noch gezeichnet von den Händen eines Fremden, erlaubte Laura sich, etwas anderes zu fühlen. Etwas Gefährliches und Köstliches: die Freiheit, in diesem Moment nichts entscheiden zu müssen.
Langsam stand sie auf, die nackten Füße berührten den flauschigen Teppich. Der Badezimmerspiegel zeigte ihr eine Version von sich, die sie kaum wiedererkannte – zerzauste Haare, geschwollene Lippen, die Haut leicht gerötet an den Stellen, wo Daniels Bart sie gekratzt hatte. Sie strich mit den Fingern durch die Strähnen, versuchte, sie zu bändigen, gab aber auf. Stattdessen drehte sie die Dusche auf und ließ das heiße Wasser über ihren Körper laufen, wusch den Schweiß, seinen Geruch, die Spuren der Nacht ab. Doch die Erinnerung wusch sie nicht weg.
In einen weißen Hotelbademantel gehüllt, nahm Laura ihr Handy erneut und tippte eine Antwort, bevor sie es sich anders überlegen konnte.
*"Kaffee ist eine gute Idee. Aber nur, wenn du versprichst, nicht über den Manager zu reden.""
Die Antwort kam innerhalb von Sekunden.
*"Versprochen. Aber ich garantiere nicht, dass ich nicht einen Kuss vor dem Orangensaft klaue.""
Sie lächelte und spürte, wie ihr Magen einen kleinen Satz machte. Es war kein Versprechen. Es war keine Verpflichtung. Es war nur ein Kaffee, ein Abschied, vielleicht noch eine gestohlene Stunde, bevor die Realität wieder an die Tür klopfte – Meetings, Deadlines, das Leben, das auf der anderen Seite dieser Nacht auf sie wartete. Doch für den Moment erlaubte sie sich zu glauben, dass manchmal die besten Dinge passierten, wenn man sie am wenigsten erwartete.
Das Hotelrestaurant war einer dieser eleganten, unpersönlichen Räume mit Marmortischen, Ledersesseln und einem Frühstücksbuffet, das darauf ausgelegt schien, Geschäftsleute zu beeindrucken. Daniel saß an einem Tisch nahe dem Fenster, die Sonnenstrahlen, die durch den Leinenvorhang gefiltert wurden, erhellten sein Gesicht auf eine Weise, die ihn jünger wirken ließ, als sie ihn in Erinnerung hatte. Er trug ein einfaches schwarzes T-Shirt und Jeans, die Haare noch feucht von der Dusche, und als er sie kommen sah, breitete sich ein langsames Lächeln auf seinen Lippen aus.
— Guten Morgen — sagte er und stand auf, um ihr den Stuhl zurechtzurücken. — Gut geschlafen?
— Besser, als ich sollte — antwortete sie und setzte sich, spürte, wie der Stoff des Bademantels über ihre Oberschenkel strich. — Das ist ein Kompliment.
— Das nehme ich als solches. — Er lehnte sich vor, die Ellbogen auf dem Tisch, die Finger spielten mit der Kaffeetasse. — Und du? Hast du ein bisschen geschlafen?
— Genug. — Er grinste. — Aber ich gestehe, dass ich aufgewacht bin und darüber nachgedacht habe, wie es wäre, dich morgens zu sehen.
— Und? — Laura hob eine Augenbraue. — Hat es sich gelohnt?
— Jede Sekunde. — Er lächelte langsam und gefährlich. — Besonders der Teil, in dem du gemurmelt hast, als ich versucht habe, dich zu wecken.
— Ich murmele nicht.
— Doch, tust du. Und es ist entzückend.
Sie lachte und nahm ein Croissant aus dem Korb zwischen ihnen. — Du bist unerträglich.
— Und du bist köstlich. — Er streckte die Hand über den Tisch und strich mit den Fingern über ihre. Eine leichte, fast beiläufige Berührung, die Lauras Körper sofort reagieren ließ. — Also, Managerin… was machst du, wenn du nicht die Nächte von arbeitslosen Musikern ruinierst?
— Ich bin Marketingdirektorin in einem Kosmetikunternehmen. — Sie biss in das Croissant und spürte, wie die Butter auf der Zunge zerfloss. — Und du? Außer in Bars zu spielen und Hotelmanager an Nachbarn glauben zu lassen?
— Ich bin Musiker, Komponist, manchmal Produzent. — Er zuckte mit den Schultern. — Ich lebe von Auftritt zu Auftritt, von Stadt zu Stadt. Nicht glamourös, aber frei.
— Frei — wiederholte sie, als hätte das Wort einen anderen Geschmack in ihrem Mund. — Das muss schön sein.
— Ist es. Aber es hat auch seine einsamen Momente. — Er blickte sie an, seine grünen Augen verdunkelten sich leicht. — Bis gestern Nacht zumindest.
— Und jetzt?
— Jetzt? — Er lächelte, langsam und herausfordernd. — Jetzt habe ich einen Grund, in diese Stadt zurückzukehren.
Sie antwortete nicht. Stattdessen streckte sie die Hand aus und nahm seine, verschränkte ihre Finger. Die Berührung war warm, vertraut, als würden sie sich schon seit Jahren kennen und nicht erst seit ein paar Stunden. — Fliegst du heute ab?
— Mein Flug geht um drei. — Er blickte auf die Uhr an der Wand. — Ich habe noch ein paar Stunden.
— Zeit genug für noch eine Tasse Kaffee?
— Zeit genug für alles, was du willst.
Laura lächelte und spürte, wie sich Wärme in ihrem Körper ausbreitete. — Dann lass uns hochgehen. Denn ich bin noch nicht fertig mit dir.
Daniel brauchte keine weitere Aufforderung. Er legte die Kaffeetasse ab, ließ einige Scheine auf dem Tisch liegen und stand auf, reichte ihr die Hand. Laura nahm sie, spürte das Gewicht der Entscheidung – oder des Fehlens einer. Es war kein Abschied. Es war kein Anfang. Es war nur ein weiterer gestohlener Moment, eine weitere Erinnerung, die sie in ihrem Koffer zusammen mit dem Zettel und seinem Duft auf ihrer Haut aufbewahren würde.
Und in diesem Augenblick war es alles, was sie wollte.
Der Aufzug fuhr schweigend nach oben, die beiden standen nah genug, dass Laura die Wärme seines Körpers spürte, ohne sich zu berühren. Sie beobachtete, wie die Stockwerkslichter im Display aufleuchteten, ein Countdown zu dem, was auch immer als Nächstes passieren würde. Als sich die Türen im 12. Stock öffneten, zog Daniel sie mit einem verschmitzten Lächeln heraus.
— Letzte Chance, es dir anders zu überlegen — murmelte er und drückte sie gegen die Flurwand.
— Ich überlege mir nichts anders — antwortete sie und zog ihn am Kragen seines T-Shirts. — Ich verschiebe nur das Unvermeidliche.
Er lachte tief und rau, bevor er ihren Mund in einem langsamen, tiefen Kuss eroberte, der ihre Knie weich werden ließ. Seine Hände glitten über den Bademantel, fanden die nackte Haut darunter, und sie stöhnte gegen seine Lippen, spürte, wie das Verlangen mit voller Wucht zurückkehrte, als wäre die vergangene Nacht nicht genug gewesen.
— Du bist gefährlich — flüsterte er und biss leicht in ihre Unterlippe.
— Und du magst das.
— Mehr, als ich sollte.
Sie erreichten Zimmer 1208 stolpernd, lachend, die Hände bereits erkundend, Kleidung ausziehend, eine Spur hinterlassend. Daniel drückte sie gegen die Tür, sobald sie sich schloss, seine Hände hielten ihre Handgelenke über ihrem Kopf, während sein Mund ihren Hals hinabglitt, über ihre Brüste, ihren Bauch, bis Laura an nichts anderes mehr denken konnte als an das Vergnügen, das er ihr bereitete.
Später, auf dem Bett liegend, die Körper verschlungen und verschwitzt, zeichnete Laura träge Kreise auf seine Brust.
— Drei Stunden — murmelte sie. — Das ist wenig Zeit.
— Es ist die Zeit, die wir haben. — Er küsste ihre Stirn. — Und ich beabsichtige, jede Sekunde zu nutzen.
Sie lächelte und schloss die Augen. Es war kein Ende. Es war nur eine Pause. Und für den Moment reichte das.