Flammen des Neuanfangs
Von Tonkix

**Flammen des Neuanfangs**
Der Wind heulte zwischen den Bäumen wie ein verletztes Tier und riss Blätter und Äste gegen die Windschutzscheibe des Wagens. Clara umklammerte das Lenkrad fester, die Knöchel weiß unter dem blassen Licht der Scheinwerfer. Der Regen fiel in dichten Vorhängen, verschluckte die kurvenreiche Straße, die sich durch das Gebirge schlängelte, und die Scheibenwischer konnten kaum mithalten. Sie hätte den Wetterbericht prüfen sollen, bevor sie São Paulo verließ, doch der Streit mit Rafael hallte noch in ihrem Kopf nach – ein Wirrwarr harter Worte und Schweigen, schärfer als Klingen.
*— Du stellst immer die Arbeit über alles, Clara. Sogar über uns.*
Seine Stimme, tief und voller Enttäuschung, war der Auslöser gewesen. Nicht, dass sie es nicht gewusst hätte. Nicht, dass sie nicht schlaflose Nächte verbracht hätte, über Projekte gebeugt, während er im Bett auf sie wartete, mit diesem Blick, der verriet, dass er schon wusste, ignoriert zu werden. Doch es laut ausgesprochen zu hören, mitten in einem Meeting mit Kunden, unter den Blicken aller – das war zu viel gewesen. Sie war aus dem Büro gestürmt, ohne sich umzudrehen, hatte die erstbeste Straße genommen, als könnte sie nicht nur Rafael, sondern auch die Frau hinter sich lassen, zu der sie an seiner Seite geworden war.
Die Pension tauchte wie ein Geist aus dem Nebel auf, ein Gebäude aus Stein und gealtertem Holz, mit Veranden, die sich wie offene Arme über das Tal erstreckten. Das schmiedeeiserne Schild, vom Zahn der Zeit rostig, schwang im Wind: *Refúgio das Águas*. Clara parkte den Wagen irgendwie, der Motor lief noch, als sie ausstieg, der Regen durchnässte ihren Wollmantel innerhalb von Sekunden. Der Geruch von nasser Erde und Kiefern drang in ihre Nase, vermischt mit dem fernen Duft von brennendem Holz. Irgendjemand, irgendwo, war geborgen. Irgendjemand war warm.
Sie rannte zur Tür, die Absätze versanken im Schlamm, und stieß das schwere Holz auf. Die Wärme traf sie wie ein Schlag, dicht und tröstlich, durchzogen vom Duft von Zimt und Rotwein. Der Saal war geräumig, mit freiliegenden Balken an der Decke und persischen Teppichen auf dem breiten Dielenboden. Ein Kamin knisterte in der Ecke, die Flammen tanzten wie gierige Zungen, und Clara spürte, wie die Kälte in ihren Knochen langsam wich. Für einen Moment schloss sie die Augen und atmete tief durch, ließ die Stille des Gebirges den Raum füllen, den Rafaels Worte leer zurückgelassen hatten.
— Guten Abend.
Die Stimme kam von hinter dem dunklen Holztresen, wo eine Frau mit grauen Haaren, zu einem lockeren Dutt gebunden, sie mit einem sanften Lächeln beobachtete. Sie trug eine Leinen-Schürze über einem Wollkleid, und ihre Hände, von der Zeit gezeichnet, hielten eine dampfende Tasse.
— Entschuldigen Sie die Unordnung — sagte Clara und strich sich durch die nassen Haare, bewusst, dass sie ein Chaos sein musste. — Der Sturm hat mich überrascht.
— Machen Sie sich keine Sorgen, Liebes. Das Gebirge hat so seine Eigenheiten. — Die Frau stellte die Tasse auf den Tresen und reichte ihr ein sauberes Handtuch. — Ich bin Dona Marta, die Besitzerin der Pension. Sie sind der erste Gast heute Abend. Die anderen hatten wohl mehr Verstand.
Clara lachte, ein kurzes, erleichtertes Geräusch, und trocknete sich das Gesicht mit dem Handtuch ab. — Clara. Clara Vasconcelos.
— Willkommen, Clara. — Dona Marta neigte den Kopf, ihre scharfen Augen musterten ihr Gesicht. — Möchten Sie ein Zimmer? Der Sturm scheint so schnell nicht nachzulassen.
— Bitte. — Clara zog den durchnässten Mantel aus und hängte ihn an einen eisernen Kleiderständer neben dem Kamin. Die Wärme der Flammen leckte nun über ihren Rücken, und sie erschauderte – nicht vor Kälte, sondern vor etwas Tieferem, einer Erinnerung, die sich hartnäckig ihren Weg bahnte. — Nur für eine Nacht. Morgen früh reise ich weiter.
Dona Marta nickte und nahm ein abgenutztes Lederbuch zur Hand. — Wir haben ein Zimmer im zweiten Stock mit Blick aufs Tal. Es ist das ruhigste. — Sie zögerte, als wählte sie ihre Worte mit Bedacht. — Falls Sie etwas brauchen, egal was, rufen Sie einfach. Manchmal bringt das Gebirge Menschen, die mehr brauchen als nur ein Bett zum Schlafen.
Clara hob eine Augenbraue, fragte aber nicht nach. Das ging sie nichts an. Sie unterschrieb das Buch mit festen Händen, ignorierte das Zittern in ihren Fingern und reichte ihre Kreditkarte. Dona Marta verarbeitete die Zahlung an einem veralteten Terminal, ihre Finger flink trotz des Alters.
— Das Abendessen wird um acht serviert, falls Sie herunterkommen möchten. Heute gibt es Lamm-Eintopf und selbstgebackenes Brot. — Die Frau reichte ihr den Schlüssel, ein schweres Metallstück an einem Lederanhänger. — Zimmer 12. Gehen Sie die Treppe hinauf, dann rechts. Und passen Sie auf die Stufen auf, sie sind bei der Feuchtigkeit rutschig.
Clara bedankte sich und stieg die Treppe hinauf, ihre Schritte gedämpft vom dicken Teppich. Der Flur war schmal, beleuchtet von mattierten Glaslampen, die lange Schatten an die Wände warfen. Zimmer 12 lag am Ende, und als sie den Schlüssel im Schloss drehte, öffnete sich die Tür mit einem leisen Knarren.
Der Raum war kleiner als erwartet, aber gemütlich. Ein schmiedeeisernes Bett, bedeckt mit einer Patchwork-Decke in Rottönen und Gold, dominierte den Raum. Daneben lud ein abgenutzter Samtsessel zur Ruhe ein, und ein großes Fenster bot einen trostlosen Blick auf den Sturm, die Bäume wie Gespenster in der Dunkelheit. Clara legte ihre Tasche aufs Bett und trat ans Fenster, drückte die Handfläche gegen die Kälte. Draußen schien die Welt stillzustehen, als halte das Gebirge den Atem an.
Sie zog die Schuhe aus, die Füße versanken im flauschigen Teppich, und atmete langsam aus. Sie brauchte eine Dusche. Sie musste die Straße abwaschen, den Streit, das Gewicht monatelangen Schweigens. Das Bad war klein, aber makellos, mit hydraulischen Fliesen in geometrischen Mustern und einer tiefen Wanne, die Erlösung versprach. Clara drehte den Wasserhahn auf, ließ das heiße Wasser den Raum mit Dampf füllen, und zog sich aus, Stück für Stück, als würde sie eine Rüstung ablegen.
Der erste Kontakt des Wassers mit ihrer Haut war fast schmerzhaft, ein gewaltsamer Kontrast zwischen Hitze und der Kälte, die noch in ihrem Körper wohnte. Sie schloss die Augen und ließ das Wasser über ihr Gesicht, ihre Schultern, ihre Brüste laufen, als könnte es nicht nur den Schmutz, sondern auch die Erinnerungen wegspülen, die sich hartnäckig an ihr festklammerten. Rafael. Immer Rafael. Die Art, wie er sie ansah, wenn er dachte, sie bemerke es nicht, als wäre sie ein Rätsel, das er nie lösen könnte. Wie seine Hände zitterten, wenn er sie berührte, als hätte er Angst, sie zu zerbrechen. Wie er sie verlassen hatte, ohne Erklärung, ohne Abschied, nur mit einem Zettel auf dem Küchentisch: *Ich brauche Zeit.*
Zeit wofür? Um zu merken, dass er sie nicht liebte? Um den Mut zu finden, es ihr ins Gesicht zu sagen? Clara sank tiefer in die Wanne, das Wasser bedeckte ihre Schultern, und stieß einen zitternden Seufzer aus. Sie wollte nicht an ihn denken. Nicht jetzt. Nicht, wenn sie so kurz davor stand, zusammenzubrechen.
Doch der Körper hat seine eigenen Erinnerungen.
Sie strich mit den Fingern über ihre Brustwarzen, bereits hart von der Kälte und dem Wasser, und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Es war nicht nur die Temperatur. Es war die Erinnerung an seine Berührung, die Art, wie Rafael sie mit den Händen erkundete, als wäre jeder Zentimeter ihrer Haut ein Territorium, das erobert werden musste. Clara biss sich auf die Lippe und ließ die Hand zwischen ihre Beine gleiten, die Finger fanden die feuchte Wärme, die nichts mit der Wanne zu tun hatte. Sie stöhnte leise, der Laut gedämpft vom Plätschern des Wassers, und erlaubte sich einen Moment der Schwäche. Nur einen. Nur um die Anspannung zu lösen.
Doch die Erlösung kam nicht.
Stattdessen wickelte sich das Verlangen tiefer in sie, eine Schlange, bereit zuzubeißen. Clara öffnete die Augen und atmete tief durch, versuchte, sich zu fangen. Sie konnte sich nicht gehen lassen. Nicht hier. Nicht jetzt. Mit Mühe stand sie auf, das Wasser rann in Bächen von ihrem Körper, und griff nach dem Handtuch. Sie musste sich anziehen. Sie musste zum Abendessen hinuntergehen. Sie musste so tun, als wäre alles in Ordnung.
Doch als sie die Badezimmertür öffnete, eingehüllt nur in das Handtuch, drang der Geruch von brennendem Holz und etwas anderem in ihre Nase – etwas Männliches, etwas Vertrautes. Und dann hörte sie es.
Einen Atemzug.
Nicht ihren.
Clara erstarrte, ihr Herz schlug so laut, dass sie sicher war, wer auch immer dort war, könnte es hören. Langsam drehte sie sich um.
Und da stand er.
Rafael.
Mitten im Zimmer, als wäre die Zeit stehengeblieben. Als hätten die Monate des Schweigens nie existiert. Seine dunklen Augen musterten sie von Kopf bis Fuß, verweilten an den Stellen, wo das Handtuch sie kaum bedeckte, und Clara spürte, wie ihr die Luft wegblieb.
Er war dünner geworden. Die Schatten unter seinen Augen waren tief, als hätte auch er nicht gut geschlafen. Das Leinenhemd, leicht zerknittert, stand am Kragen offen und enthüllte die gebräunte Haut seines Halses – denselben Hals, den sie früher küsste, wenn er sie von hinten umarmte und vor Sonnenaufgang weckte.
— Clara — sagte er, die Stimme rau.
Und dann, als hätte die Welt aufgehört, sich zu drehen, begriff sie.
Er war nicht überrascht.
Er hatte auf sie gewartet.
Clara spürte das Gewicht von Rafaels Blick wie eine Hand, die langsam über ihren Rücken strich, bedächtig, absichtlich. Das feuchte Leinentuch klebte an ihrer Haut, doch nicht die Kälte des Sturms ließ sie zittern. Es war er. Immer er. Selbst wenn er nicht da war, selbst wenn sie versuchte, jede Erinnerung unter Schichten von Arbeit und schlaflosen Nächten zu begraben, fand Rafael einen Weg zurück, wie Rauch, der durch Ritzen dringt.
— Du solltest nicht hier sein — sagte sie, die Stimme leiser, als sie beabsichtigt hatte.
Rafael rührte sich nicht. Er neigte nur leicht den Kopf, als würde er jeden Zentimeter von ihr abschätzen, jeden Wassertropfen, der von ihren nassen Haaren rann und im Tal zwischen ihren Brüsten verschwand. Das Feuer im Kamin knisterte hinter ihm, warf tanzende Schatten über sein Gesicht, betonte die Linie seines Kiefers, die Kurve seiner Lippen, die sie so gut kannte. Lippen, die einst ihren Namen in Nächten der Leidenschaft geflüstert hatten, die ihre Haut geküsst und gebissen hatten, bis sie Spuren hinterließen.
— Ich war zuerst da — antwortete er schließlich, die Stimme tief, fast ein Knurren. — Aber ich glaube, wir beide wissen, dass es nicht darum geht.
Clara umklammerte das Handtuch fester, spürte den rauen Stoff gegen ihre Handflächen. Sie wollte schreien, wollte fragen, warum er verschwunden war, warum er sie allein gelassen hatte mit dem Büro, den Rechnungen, dem ohrenbetäubenden Schweigen, das auf den letzten Streit folgte. Doch die Worte erstarben in ihrer Kehle, als Rafael einen Schritt nach vorne machte, dann noch einen, bis sich die Hitze des Feuers mit der Hitze vermischte, die von ihm ausging – eine Hitze, die sie kannte, die sie an Nächte erinnerte, in denen sich ihre Körper unter zerwühlten, verschwitzten, verzweifelten Laken verflochten hatten.
— Was machst du hier, Rafael? — beharrte sie, doch ihre Stimme versagte, verraten von der Erinnerung an seinen Geruch: Rosmarinseife und etwas Primitiveres, Männliches, das ihren Magen zusammenzog.
Er blieb wenige Zentimeter vor ihr stehen, nah genug, dass Clara die kleinen Narben an seinen Fingern sehen konnte – eine am Knöchel des Zeigefingers, von dem Mal, als er sich die Hand an der Atelierfenster reparierte; eine andere auf dem Handrücken der linken Hand, von einem Kinderunfall, den er nie richtig erklärt hatte. Sie kannte jede einzelne davon, wie sie den Geschmack von Salz auf seiner Haut nach einer Liebesnacht kannte.
— Dasselbe wie du — murmelte er, die dunklen Augen auf ihre gerichtet. — Ich fliehe.
Fliehen. Das Wort hing zwischen ihnen, schwer von Bedeutungen. Clara wollte lachen, wollte sagen, dass sie vor nichts floh, dass sie nur ins Gebirge gekommen war, um das Pensionsprojekt abzuschließen, dass der Sturm sie überrascht hatte. Doch die Wahrheit war, dass sie diesen Ort gerade wegen seiner Abgeschiedenheit gewählt hatte, weil es die Art von Zuflucht war, wo niemand sie finden würde. Wo *er* sie nicht finden würde.
Und doch stand Rafael da, als hätte das Schicksal über die Ironie gelacht.
— Ich fliehe nicht vor dir — log sie, doch das Zittern in ihrer Stimme verriet sie.
Rafael lächelte, ein langsames, gefährliches Lächeln, das etwas in ihr zusammenzog. Er streckte die Hand aus, zögerte, und für einen Moment dachte Clara, er würde ihr Gesicht berühren. Doch seine Finger blieben Zentimeter vor ihrer Haut in der Luft hängen, als kämpfte auch er gegen den Impuls.
— Nein? — fragte er, die Stimme leise, intim. — Warum zitterst du dann?
Clara antwortete nicht. Konnte nicht. Denn die Wahrheit war, dass sie zitterte, ja, aber nicht aus Angst. Es war Verlangen, pur und einfach, die Art von Verlangen, die stärker brannte als jedes Feuer. Sie blickte nach unten, dorthin, wo das Handtuch ihre Oberschenkel kaum bedeckte, und sah, dass ihre Brustwarzen hart waren, sichtbar unter dem dünnen Stoff. Rafael folgte ihrem Blick, und sie hörte, wie sein Atem schwerer wurde.
— Clara… — begann er, doch dann wurden sie vom Geräusch von Schritten im Flur unterbrochen.
Beide fuhren abrupt auseinander, als wären sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. Die Pensionsbesitzerin, eine Frau mit grauen Haaren und einem einladenden Lächeln, erschien in der Tür und trug ein Tablett mit zwei Weingläsern.
— Oh, entschuldigen Sie! — sagte sie und blieb stehen, als sie die Spannung in der Luft bemerkte. — Ich wusste nicht, dass Sie sich schon kannten. Rafael, Sie haben mir nicht gesagt, dass Ihre *Ehefrau* kommt.
Clara spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Rafael hingegen korrigierte die Frau nicht. Er warf Clara nur einen schnellen Blick zu, ein Blick, der mehr sagte als Worte: *Wir beide wissen, dass das eine Lüge ist, aber lassen wir es vorerst dabei.*
— Danke, Dona Marta — sagte er, nahm die beiden Gläser und reichte eines Clara. — Der Sturm wird schlimmer. Ich glaube, wir brauchen noch mehr Wein.
Dona Marta lächelte, ahnungslos gegenüber der elektrischen Spannung, die den Raum durchzog.
— Natürlich, natürlich. Ich bereite das Abendessen vor. Sie beide müssen nach dieser Reise hungrig sein.
Sobald sie gegangen war, führte Clara das Glas an die Lippen, mehr um sich festzuhalten als aus Lust zu trinken. Der Wein war süß, intensiv, und brannte beim Hinunterschlucken in der Kehle, verbreitete Wärme in ihrem Körper. Rafael beobachtete sie über den Rand seines eigenen Glases, die dunklen Augen funkelten im Feuerschein.
— Ehefrau? — murmelte sie schließlich, unfähig, die Ironie zu unterdrücken.
— Sie hat es angenommen — antwortete er achselzuckend. — Ich fand es nicht nötig, das richtigzustellen.
Clara wollte widersprechen, wollte sagen, dass das lächerlich war, dass sie jetzt nichts mehr füreinander waren. Doch die Worte erstarben, als Rafael sich erneut näherte, diesmal ohne zu zögern. Er streckte die Hand aus und wickelte eine Strähne ihres nassen Haares um seine Finger, zog sie leicht, wie er es tat, wenn er wollte, dass sie ihn ansah.
— Du bist wunderschön — sagte er, die Stimme rau. — Selbst durchnässt, selbst wenn du wütend auf mich bist.
Clara fehlte die Luft. Es war unfair. Es war so unfair, dass er immer noch diese Macht über sie hatte, dass ein einfaches Wort, eine Berührung genügte, um alles andere vergessen zu lassen. Sie schloss für einen Moment die Augen, versuchte, sich zu fangen, doch als sie sie wieder öffnete, war Rafael noch näher, sein heißer Atem an ihrem Gesicht.
— Tu das nicht — flüsterte sie.
— Was nicht?
— Sieh mich nicht so an.
— Wie?
— Als wären wir noch wir.
Rafael seufzte, wich aber nicht zurück. Stattdessen glitten seine Finger von ihrem Haar zu ihrem Nacken, streichelten die empfindliche Haut dort und ließen sie erschaudern.
— Clara — murmelte er —, *wir sind* noch wir. Nur zerbrochen.
Sie wollte es leugnen, wollte ihn wegstoßen und sagen, dass nein, sie seien nur zwei Menschen, die sich einst geliebt hatten und jetzt nichts mehr verband. Doch die Wahrheit war, dass sie, selbst zerbrochen, selbst mit all den offenen Wunden, noch immer zusammenpassten. Wie Teile eines Puzzles, das Zeit und Stolz getrennt hatten, die aber jetzt, vor dem Feuer, dem Wein und dem Sturm draußen, unmöglich zu ignorieren schienen.
— Ich hasse dich — sagte sie, doch der Satz klang selbst in ihren eigenen Ohren falsch.
Rafael lächelte traurig.
— Nein, das tust du nicht.
Und dann, bevor sie antworten konnte, bevor sie überhaupt etwas sagen konnte, beugte er sich vor und streifte ihre Lippen mit seinen. Es war kein Kuss. Es war nur eine Berührung, leicht wie ein Versprechen, doch genug, um zu spüren, wie sich der Boden unter ihren Füßen bewegte.
Als er sich zurückzog, waren seine Augen dunkel, hungrig.
— Das Abendessen ist in einer halben Stunde fertig — sagte er, die Stimme rau. — Ich glaube, wir beide brauchen vorher eine heiße Dusche.
Clara antwortete nicht. Sie hielt das Handtuch nur fester und verließ das Zimmer, spürte Rafaels Blick die ganze Zeit in ihrem Rücken.
Und sie wusste mit einer beängstigenden Gewissheit, dass diese Nacht noch lange nicht vorbei war.
Der Regen schlug gegen die Fenster der Pension wie ungeduldige Finger, fordernd, Einlass verlangend. Der Saal, zuvor nur vom Kaminfeuer erleuchtet, flackerte nun im gelblichen Licht der Stehlampen, die Schatten tanzten an den gealterten Holzwänden wie Gespenster einer Vergangenheit, die beide zu vergessen versuchten – und scheiterten. Clara stieg langsam die Treppe hinab, die nackten Füße versanken im flauschigen Teppich, der marineblaue Seidenbademantel klebte an ihrem noch feuchten Körper. Der Stoff flüsterte gegen ihre Haut, eine ständige Erinnerung daran, dass sie darunter nackt war, dass jede Bewegung eine Provokation war.
Rafael saß bereits am Tisch, die Ellbogen auf das Leinentuch gestützt, die Finger um ein Glas Rotwein geschlungen. Die dunkle Flüssigkeit spiegelte das Kerzenlicht wider, zitterte wie lebendiges Blut. Er hob den Blick, als sie näher kam, und für einen Moment sah Clara etwas Rohes und Unverhülltes in seinen Augen – nicht nur Verlangen, sondern eine Verletzlichkeit, die er immer zu verbergen versucht hatte. Das weiße Hemd, am Kragen offen, enthüllte die Basis seines Halses, wo eine Ader langsam und gleichmäßig pulsierte, wie ein Metronom, das die Zeit maß, die sie getrennt hatte.
— Du hast lange gebraucht — sagte er, die Stimme tief und rau. Es war keine Anschuldigung, sondern eine Feststellung, als wüsste er genau, was sie im Bad getan hatte, die Finger zwischen den Beinen, während das heiße Wasser über ihren Körper lief.
— Ich musste sicherstellen, dass ich präsentabel bin — antwortete Clara und zog den Stuhl ihm gegenüber hervor. Das Metall quietschte über den Holzboden, ein schrilles Geräusch, das die geladene Stille durchbrach. — Immerhin ist es nicht jeden Tag, dass ich mit meinem Ex zu Abend esse.
Rafael lächelte, doch es lag kein Humor darin. Nur eine alte Traurigkeit, als hätten ihre Worte eine Wunde aufgerissen, von der er dachte, sie sei verheilt.
— Ex — wiederholte er und drehte das Glas zwischen den Fingern. — Dieses Wort hat immer seltsam geklungen, wenn es aus deinem Mund kam.
— Und wie soll ich dich dann nennen? — Sie neigte den Kopf, die noch feuchten Haare fielen über eine Schulter. — Arbeitskollegen? Büropartner? Oder vielleicht… — sie ließ den Satz in der Luft hängen, die Lippen zu einem Lächeln verzogen, das nicht ihre Augen erreichte — …den Mann, der mich ohne Erklärung verlassen hat?
Er seufzte und strich sich mit der Hand über das Gesicht. Die Stoppeln kratzten über seine Handfläche, ein raues Geräusch, das Clara daran erinnerte, wie es sich anfühlte, wenn sie über ihre Haut strichen, rau und heiß.
— Ich habe dir schon gesagt. Ich hatte Angst.
— Wovor? — Die Frage kam schärfer heraus, als sie beabsichtigt hatte, doch der Wein löste bereits ihre Zunge, lockerte die Fesseln des Stolzes.
— Davor, nicht genug zu sein. — Rafael blickte sie an, die dunklen Augen wie die Nacht draußen. — Du bist brillant, Clara. Immer gewesen. Und ich… ich konnte nur daran denken, dass du früher oder später merken würdest, dass du jemanden Besseren verdienst. Jemanden, der dich nicht in mein Chaos hineinzieht.
Sie lachte, ein kurzes, freudloses Geräusch.
— Dein Chaos war immer das, was ich am meisten liebte.
Die Luft zwischen ihnen wurde schwer, erfüllt von unausgesprochenen Dingen. Clara streckte die Hand nach der Weinflasche aus, doch Rafael war schneller, nahm sie, bevor sie das Glas berühren konnte. Seine Finger streiften ihre, eine kurze, elektrische Berührung, und sie spürte, wie die Hitze ihren Arm hinaufschoss, wie ein Brandmal.
— Lass mich einschenken — murmelte er, die Stimme tief.
Clara nahm den Blick nicht von ihm, während er ihr Glas füllte, die rubinrote Flüssigkeit floss wie langsamer Honig. Als er die Flasche schließlich wegstellte, blieben seine Finger in der Luft, zu nah an ihren. Sie konnte seinen Geruch wahrnehmen – Seife, Wein, das holzige Parfüm, das er immer trug und das selbst nach Monaten noch ihren Magen zusammenzog.
— Erinnerst du dich an das erste Mal, als wir zusammen getrunken haben? — fragte Rafael und brach das Schweigen. — Es war in diesem Weingut in Bento Gonçalves. Du hast Wein auf mein weißes Hemd verschüttet und gelacht, als wäre es das Lustigste der Welt.
Clara führte das Glas an die Lippen, der fruchtige Geschmack explodierte auf ihrer Zunge.
— Und du hast das Hemd sofort ausgezogen, als wäre es dir egal. Als würde ich den Rest des Abends nicht deinen Oberkörper anstarren.
— Das hast du.
— Das habe ich. — Sie nahm einen weiteren Schluck, spürte, wie die Wärme sich in ihrem Körper ausbreitete. — Und danach, als wir ins Hotel zurückkamen, hast du mich gegen die Wand gedrückt und mich geküsst, als würdest du verdursten.
Rafael schloss für einen Moment die Augen, als würde die Erinnerung schmerzen.
— Ich erinnere mich an jedes Detail. Wie du gestöhnt hast, als ich dich berührte. Wie dein Atem klang, als ich in dich eindrang. — Er öffnete die Augen, und das Verlangen in ihnen war so intensiv, dass Claras Körper reagierte, die Brustwarzen hart unter dem Bademantel, die Hitze zwischen ihren Beinen. — Den Geschmack deiner Haut.
Sie schluckte schwer, die Finger um den Stiel des Glases geklammert.
— Warum tust du das?
— Was?
— Erinnerungen wecken. Als hätte es nicht wehgetan, als du gegangen bist.
Rafael beugte sich vor, die Ellbogen auf dem Tisch, die Augen auf ihre gerichtet.
— Weil ich nie aufgehört habe, an dich zu denken, Clara. Nicht eine Sekunde. Und jetzt, hier, mit diesem Sturm draußen und diesem Feuer hier drinnen… — er deutete auf den Kamin, wo die Flammen gierig tanzten — …kann ich nicht mehr so tun, als würde ich dich nicht wollen.
Claras Herz schlug so laut, dass sie sicher war, er könnte es hören. Sie wollte aufstehen, wollte fliehen, wollte schreien, dass er kein Recht hatte, das zu sagen, nach all der Zeit. Doch stattdessen beugte auch sie sich vor, bis ihre Gesichter nur noch Zentimeter voneinander entfernt waren, bis sie seinen heißen Atem auf ihren Lippen spürte.
— Dann beweis es — forderte sie heraus, die Stimme ein Flüstern. — Beweis, dass du mich noch willst.
Rafael rührte sich nicht. Für einen Moment dachte sie, er würde zurückweichen, sich an all die Gründe erinnern, warum sie das nicht tun sollten. Doch dann, mit einem leisen Stöhnen, packte er ihr Gesicht mit beiden Händen und küsste sie.
Es war kein sanfter Kuss. Es war kein Versprechen. Es war reines, verzweifeltes Verlangen, seine Lippen pressten sich mit einer Dringlichkeit auf ihre, die Clara den Mund öffnen ließ, ihn empfing, seine Zunge erkunden ließ, sie beanspruchte. Sie ließ das Glas los, der Wein ergoss sich über den Tisch, doch keiner von beiden kümmerte sich darum. Rafael zog sie näher, eine Hand glitt in ihren Nacken, die Finger verhedderten sich in ihren Haaren, während die andere ihren Rücken hinabfuhr und den Bademantel nach unten schob, die Kurve ihrer Schultern entblößte.
— Rafael… — stöhnte sie gegen seinen Mund, ihr Körper bog sich ihm entgegen.
Er wich nur so weit zurück, dass er sie ansehen konnte, die Augen dunkel vor Verlangen.
— Weißt du, was ich jetzt mit dir machen will?
Clara biss sich auf die Unterlippe, spürte, wie ihr ganzer Körper pulsierte.
— Sag es mir.
— Ich will dich auf diesen Tisch legen — murmelte er, die Stimme rau, die Finger zeichneten träge Kreise an ihrer Wirbelsäule. — Ich will dich langsam ausziehen, diesen Bademantel abstreifen, als wäre er ein Geschenk. Ich will jeden Zentimeter deiner Haut lecken, vom Hals bis zu den Zehen, bis du so nass bist, dass du mich anflehst, dich zu ficken.
Clara erschauderte, die Hitze zwischen ihren Beinen wurde intensiver.
— Und dann?
— Dann — er strich mit den Lippen über ihr Ohrläppchen und ließ sie erzittern — werde ich dich genau hier nehmen, mit gespreizten Beinen, deine Stöhnen hallen durch diese leere Pension. Ich werde dich so oft kommen lassen, dass du morgen nicht mehr richtig laufen kannst.
Sie stieß einen zitternden Seufzer aus, die Hände glitten über seine Brust, spürten die angespannten Muskeln unter dem Hemd.
— Und wenn ich nicht bis danach warten will?
Rafael lächelte, ein langsames, gefährliches Lächeln.
— Dann musst du mich überzeugen.
Clara zögerte nicht. Mit einer schnellen Bewegung zog sie den Bademantel aus, ließ ihn von ihren Schultern gleiten und entblößte sich vollständig. Die kühle Luft des Raumes streifte ihre Haut und ließ ihre Brustwarzen noch härter werden, doch die Hitze von Rafaels Blick war genug, um sie warm zu halten.
— Verdammt — murmelte er, die Augen über ihren Körper gleiten lassend wie eine Liebkosung. — Du bist noch schöner, als ich es in Erinnerung hatte.
Sie trat näher, setzte sich rittlings auf seinen Schoß, die Beine gespreizt über seinen. Der Stoff seiner Hose rieb gegen ihre empfindlichste Stelle, und sie stöhnte, die Hüften bewegten sich instinktiv.
— Überzeugt? — fragte sie, die Stimme atemlos.
Rafael packte ihre Hüften und zog sie näher, bis sie seine Erektion gegen sich spürte.
— Fast — antwortete er, bevor er ihren Mund erneut einfing.
Der Kuss war diesmal intensiver, verzweifelter, als wüssten beide, dass sie am Rande von etwas Unumkehrbarem standen. Clara rieb sich an ihm, die Reibung ließ Wellen der Lust durch ihren Körper jagen. Rafael stöhnte, die Hände packten ihre Taille fester, die Finger gruben sich in ihre Haut.
— Clara… — murmelte er gegen ihre Lippen, die Stimme eine Warnung.
— Ich weiß — antwortete sie, die Finger glitten zum Saum seines Hemdes und zogen es hoch. — Ich will auch nicht mehr warten.
Und dann, mit einer schnellen Bewegung, schob sie ihn gegen den Stuhl, die Hände erkundeten seine nackte Brust, die definierten Muskeln, die warme Haut unter ihren Fingern. Rafael beobachtete sie mit halb geschlossenen Augen, der Atem beschleunigt, während sie die Lippen seinen Hals hinabgleiten ließ und eine Spur feuchter Küsse hinterließ.
— Du bringst mich um — stöhnte er, die Hände verhedderten sich in ihren Haaren.
— Nicht bevor ich dich zum Kommen gebracht habe — antwortete sie, die Finger glitten zum Knopf seiner Hose.
Doch bevor sie ihn öffnen konnte, grollte draußen ein Donner so laut, dass die Fenster erzitterten. Clara erstarrte, die Augen weit aufgerissen, und Rafael lachte leise, rau.
— Der Sturm lässt uns keine Ruhe, oder?
Sie schüttelte den Kopf, ein langsames Lächeln formte sich auf ihren Lippen.
— Nein. Aber vielleicht können wir ihn zu unserem Vorteil nutzen.
Rafael zog sie für einen weiteren Kuss an sich, die Hände glitten über ihren Rücken und zogen sie näher.
— Dann lass uns in dein Zimmer gehen — murmelte er gegen ihren Mund. — Bevor ich hier die Kontrolle verliere.
Clara nickte, doch bevor sie aufstehen konnte, hielt Rafael sie fest, die Augen brannten in ihren.
— Nur eines — sagte er, die Stimme ernst. — Wenn wir das tun, gibt es kein Zurück. Nicht diesmal.
Sie hielt seinem Blick stand, das Herz schlug ihr bis zum Hals.
— Ich weiß.
Und dann, ohne weitere Worte, zog er sie vom Stuhl, die Hände fest an ihrer Taille, während der Sturm draußen tobte, als würde er ihre Entscheidung gutheißen.
Clara ließ sich von Rafael durch den Saal der Pension führen, die Finger mit seinen verschränkt, als fürchteten sie, sich loszulassen. Der Regen schlug in wütenden Böen gegen die Fenster, und das Feuer im Kamin knisterte, warf tanzende Schatten an die gealterten Holzwände. Der Wein brannte noch in ihren Adern, doch es war nicht nur der Alkohol, der sie benommen machte – es war er. Die Nähe, der Geruch von Zeder und Leder seiner Jacke, die Art, wie seine dunklen Augen sie verschlangen, selbst wenn er versuchte, wegzusehen.
Sie blieben vor der Treppe stehen, die zu den Zimmern führte, die Stufen knarrten unter dem Gewicht von etwas Größerem als nur ihren Körpern. Rafael ließ ihre Hand los und strich sich durch die Haare – eine Geste, die sie gut kannte, ein Zeichen dafür, dass die Worte in seiner Kehle feststeckten.
— Wirst du mir sagen, was wirklich passiert ist? — Clara verschränkte die Arme, als könnte sie sich vor dem schützen, was kommen würde. — Oder wirst du weiter drumherum reden, bis ich aufhöre zu fragen?
Er atmete lange und schwer aus, als trüge er die Last der Welt auf seinen Schultern.
— Ich habe dir schon gesagt, es hat nicht funktioniert. Wir wollten unterschiedliche Dinge.
— *Lüge.* — Das Wort kam scharf, schnitt durch die Luft zwischen ihnen. — Du bist aus dem Büro verschwunden, Rafael. Hast meine Anrufe nicht beantwortet, meine E-Mails nicht beantwortet. Und als du endlich aufgetaucht bist, war es nur, um die Papiere für die Partnerschaft zu unterschreiben, als wäre ich eine Fremde. — Sie trat einen Schritt vor, die Absätze klackten auf dem Holzboden. — Also sag mir die Wahrheit. Was habe ich falsch gemacht?
Er schloss für einen Moment die Augen, als würden ihre Worte ihn physisch treffen.
— *Du hast nichts falsch gemacht.* — Seine Stimme war rau, fast gebrochen. — Ich war es. Ich konnte nicht.
— Konntest was nicht?
— *Der Mann zu sein, den du verdienst.*
Das Geständnis hing zwischen ihnen, dicht wie der Rauch des Kamins. Clara spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog, doch es war nicht nur Schmerz – da war noch etwas anderes, etwas Warmes und Pulsierendes, als hätte sich die Luft um sie herum mit Elektrizität aufgeladen.
— Wovon redest du? — Sie verringerte die Distanz zwischen ihnen, bis sich ihre Körper fast berührten. — Du warst immer mehr als genug. Immer.
Rafael schüttelte den Kopf, die Lippen zu einer dünnen Linie zusammengepresst.
— Nicht, wenn es um dich ging. — Er hob die Hand, als wollte er ihr Gesicht berühren, zögerte jedoch, die Finger schwebten in der Luft. — Ich habe gesehen, wie du gewachsen bist, Clara. Größere Projekte, wichtige Kunden, Reisen ins Ausland. Und ich? Ich steckte fest, hatte Angst, dich nach unten zu ziehen. Angst, dass du eines Tages aufwachst und merkst, dass du jemanden Besseren haben könntest.
Die Worte trafen sie wie ein Wasserfall, und Clara spürte, wie sich der Boden unter ihren Füßen bewegte. Es war nicht Wut, die sie jetzt beherrschte – es war etwas Tieferes, Ursprünglicheres. Ein schmerzhaftes Verständnis, dass hinter all diesem verletzten Stolz ein Mann stand, der sie genug liebte, um sie gehen zu lassen.
— Du bist ein Idiot — flüsterte sie, die Stimme belegt. — Ein wunderschöner, sturer und feiger Idiot.
Er lachte bitter.
— Ich weiß.
— Du hast mich verlassen, weil du *mich liebtest*?
Rafael antwortete nicht. Musste er auch nicht. Die Art, wie seine Augen glänzten, die Weise, wie sein Atem schwerer wurde, sagte alles, was Worte nicht konnten.
Clara dachte nicht nach. Sie berechnete nicht. Sie handelte einfach.
Sie packte den Kragen seiner Jacke und zog ihn zu sich, presste ihre Lippen auf seine in einem Kuss, der keine Erlaubnis verlangte. Es war Hunger, es war Wut, es war Erleichterung – alles vermischt in einer einzigen, verzweifelten Geste. Rafael erstarrte für einen Moment, überrascht, doch dann fanden seine Hände ihre Taille und zogen sie mit einem Ruck an seinen Körper, als fürchte er, sie könnte verschwinden.
Der Kuss vertiefte sich, Zungen verflochten sich, Zähne stießen leicht zusammen. Clara spürte den Geschmack von Wein und etwas Wildem – etwas, das immer zwischen ihnen gewesen war, selbst wenn sie es leugnen wollten. Ihre Hände glitten über seine Brust, spürten die angespannten Muskeln unter dem Hemd. Rafael antwortete mit derselben Intensität, die Hände erkundeten jede Kurve, jede Narbe, jeden Teil von ihr, den er vermisst hatte, ohne es zuzugeben.
Als sie sich trennten, um zu atmen, legte Clara die Stirn an seine, die Augen geschlossen.
— Ich liebe dich — sagte sie einfach, direkt. Die Worte kamen ohne Zögern, als hätten sie immer schon darauf gewartet, ausgesprochen zu werden.
Rafael hielt ihr Gesicht, die Daumen strichen über ihre Wangenknochen.
— Ich liebe dich auch. Mehr, als ich sollte. Mehr, als ich dachte, fähig zu sein.
Clara lächelte, ein Lächeln, das den ganzen Raum erhellte.
— Dann zeig es mir.
Und das tat er.
Diesmal gab es keine Eile. Keine Schatten der Vergangenheit, keine Geister von Stolz oder Angst. Rafael legte sie auf den Rücken, bedeckte ihren Körper mit seinem, die Bewegungen langsam, bedacht, als würde er jede Reaktion, jedes Zittern auswendig lernen. Er küsste sie von der Stirn bis zu den Zehen, verweilte an den Stellen, von denen er wusste, dass sie sie atemlos machten – die Vertiefung zwischen ihren Brüsten, die Kurve ihrer Hüfte, die Innenseite ihrer Oberschenkel. Clara bog sich ihm entgegen, die Hände krallten sich in die Laken, die Stöhnen wurden lauter, je näher sein Mund sie an den Rand des Abgrunds brachte.
— Rafael… bitte — flehte sie, die Stimme gebrochen.
Er hob den Kopf, die Lippen feucht, die Augen dunkel vor Verlangen.
— Was willst du?
— Dich. In mir.
Rafael ließ sie nicht warten. Mit einer fließenden Bewegung drang er in sie ein, füllte sie vollständig aus, beide stießen gleichzeitig einen Seufzer aus. Clara schlang die Beine um seine Taille und zog ihn tiefer, während Rafael sich zu bewegen begann, zunächst langsam, jeder Stoß eine köstliche Qual. Sie spürte jeden Zentimeter von ihm, die Art, wie er sie dehnte, wie ihre Körper perfekt zusammenpassten, als wären sie nie getrennt gewesen.
— Schneller — bat sie, die Nägel gruben sich in seinen Rücken.
Rafael gehorchte, beschleunigte das Tempo, die Hüften schlugen mit genug Kraft gegen ihre, dass das Bett ächzte. Clara schloss die Augen, verloren in der Empfindung, in der Hitze, die sich in ihrem Bauch ausbreitete, in den feuchten Geräuschen ihrer vereinten Körper. Doch Rafael hielt ihr Kinn fest und zwang sie, ihn anzusehen.
— Ich will dich sehen — murmelte er, die Stimme rau. — Ich will dein Gesicht sehen, wenn du kommst.
Clara konnte nicht antworten. Das Vergnügen war zu viel, eine aufsteigende Welle, die sie zu verschlingen drohte. Sie klammerte sich an ihn, die Nägel gruben sich in sein Fleisch, die Stöhnen wurden zu gedämpften Schreien gegen seine Schulter. Rafael hörte nicht auf, verlangsamte das Tempo nicht, jeder Stoß tiefer, dringlicher, bis sie spürte, wie sich ihr ganzer Körper zusammenzog, der Orgasmus in Wellen über sie hereinbrach und sie zittern ließ, die inneren Muskeln ihn fest umklammerten.
— Verdammt — stöhnte Rafael, die Bewegungen wurden unregelmäßig, während er ihr folgte, der Körper über ihr angespannt, bevor er zusammensackte, sein Gewicht drückte sie in die Matratze. Eine Weile lagen sie so da, keuchend, die Herzen schlugen im Einklang, die Haut bedeckt von einem feinen Schweißfilm.
Für einen Moment gab es nichts außer dem Geräusch ihres abgehackten Atems und dem Knistern des Kamins. Dann bewegte sich Rafael, zog sich vorsichtig aus ihr zurück, blieb aber neben ihr liegen. Er zog sie an seine Brust, die Finger zeichneten träge Kreise auf ihren Rücken.
— Und jetzt? — fragte sie und malte mit den Fingern Muster auf seine Haut.
Rafael küsste sie auf den Scheitel.
— Jetzt fangen wir neu an. Von vorne. Oder von dort, wo wir aufgehört haben. Es spielt keine Rolle.
Clara hob den Kopf und sah ihn an.
— Und das Büro?
— Das Büro gehört uns. Zusammen. Wie es immer hätte sein sollen.
Sie lächelte, spürte eine Leichtigkeit, die sie seit Monaten nicht mehr empfunden hatte.
— Und die Angst?
Rafael hielt ihr Kinn fest und neigte ihr Gesicht, sodass sie ihn ansah.
— Die Angst wird immer da sein. Immer. Aber sie wird uns nicht mehr kontrollieren.
Clara nickte, die Augen feucht. Es waren keine Tränen der Traurigkeit, sondern der Erleichterung, der Hoffnung. Sie beugte sich vor und küsste ihn mit einer Zärtlichkeit, die seine Brust schmerzen ließ.
— Dann fangen wir neu an — flüsterte sie.
Rafael zog sie näher an sich, umarmte sie fest.
— Fangen wir neu an.
Draußen war die Sonne bereits am Himmel aufgegangen und tauchte das Gebirge in goldenes Licht. Der Sturm war vorüber, hatte nur die Verheißung eines Neuanfangs zurückgelassen. Und in den Armen des anderen wussten Clara und Rafael, dass sie diesmal nichts mehr trennen würde.
Diesmal würde die Nacht lang sein. Und sie hatten keine Eile.