Feuer im Regal
Von Tonkix

**Feuer im Regal**
Der Regen fiel in schweren Vorhängen über die Stadt, ein grauer Schleier, der die Straßen in improvisierte Flüsse verwandelte. Lara beschleunigte ihren Schritt, die Absätze versanken in den Pfützen, die sich zwischen den Pflastersteinen bildeten, der dünne Stoff ihres Kleides klebte bei jedem Windstoß an ihren Schenkeln. Der Schirm, nutzlos gegen die Wut des Unwetters, hing wie ein totes Gewicht in ihrer Hand. Als sie die Fassade der Buchhandlung *Worte & Seiten* erblickte, entwich ihr ein erleichtertes Seufzen von den halb geöffneten Lippen. Sie stieß die Glastür mit der Schulter auf, und das Glöckchen darüber klingelte, um ihre Ankunft zu verkünden.
Drinnen war es ein Refugium. Der Geruch von altem Papier vermischte sich mit dem Aroma von frischem Kaffee und poliertem Holz, eine Kombination, die sie wie eine Umarmung umfing. Lara schüttelte ihr kastanienbraunes Haar, verteilte Wassertropfen in der Luft und strich sich mit den Fingern durch die feuchten Strähnen, glättete sie nach hinten. Das Kleid, nun an ihre Haut geklebt, ließ wenig der Fantasie über, aber es kümmerte sie nicht. Wer wäre denn da, um es zu bemerken? Die Buchhandlung schien verlassen, bis auf eine männliche Gestalt, die über einen Ausstellungstisch in der hintersten Ecke gebeugt stand.
Daniel hob nicht sofort den Blick. Er war vertieft in ein Buch über Renaissance-Architektur, die aufgeschlagenen Seiten zeigten Skizzen von Kathedralen, die aus dem Papier zu wachsen schienen. Seine langen Finger, gewohnt, präzise Linien in Entwürfen zu ziehen, blätterten die Seiten mit einer fast ehrfürchtigen Zartheit um. Das bernsteinfarbene Licht der Lampe über dem Tisch betonte die Konturen seines Gesichts – markanter Kiefer, gerade Nase, ein Schatten von Bartstoppeln, der ihm ein kalkuliert lässiges Aussehen verlieh. Er trug ein hellblaues Leinenhemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, und eine Chino-Hose, die perfekt über seinen schmalen Hüften saß.
Lara zog ihre nassen Schuhe aus und ließ sie neben der Tür stehen, dann ging sie barfuß über den Holzboden, ihre Zehen versanken in dem abgenutzten Perserteppich. Die Wärme des Raumes kontrastierte mit der feuchten Kälte draußen, und sie erschauderte – nicht vor Kälte, sondern vor dem Gefühl, beobachtet zu werden. Sie drehte sich zur Schaufensterscheibe, tat so, als bewundere sie den Regen, und nutzte die Gelegenheit, um einen diskreten Blick in Richtung des Mannes zu werfen.
Er hatte sie noch nicht bemerkt. Oder, wenn doch, ließ er es sich nicht anmerken. Lara biss sich auf die Unterlippe und musterte ihn. Er war nicht der Typ Mann, der normalerweise ihre Aufmerksamkeit erregte – es gab nichts Auffälliges an ihm, keine protzige Uhr oder einen akkuraten Haarschnitt. Aber es lag etwas in der Art, wie er sich bewegte, langsam und bedacht, als wäre jede Geste Teil einer einstudierten Choreografie. Und diese Hände. Lara stellte sich vor, wie sie einen Bleistift hielten, Linien auf Papier zogen, oder vielleicht –
Ein Donner grollte draußen und ließ sie zusammenzucken. Daniel hob endlich den Blick, und ihre Blicke trafen sich für eine Sekunde, die sich zu dehnen schien. Lara spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss, als wäre sie auf frischer Tat ertappt worden, doch er lächelte nur leicht, fast unmerklich, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem Buch zuwandte.
Sie atmete tief durch und näherte sich den Regalen. Sie brauchte etwas, um ihren Geist abzulenken, etwas, das sie daran hinderte, einfach nur dazustehen und einen Fremden anzustarren, als wäre er die letzte Seite eines unvollendeten Romans. Sie ließ ihre Finger über die Buchrücken gleiten, spürte die Textur von Leder, Pappdeckeln, abgenutztem Stoff. Historische Romane. Nein. Poesie. Vielleicht. Sie blieb vor einer Ausgabe von *Camões’ Sonetten* stehen, der samtene rote Einband vom Zahn der Zeit verblasst. Sie schlug es auf gut Glück auf und las leise:
*„Liebe ist Feuer, das ohne zu sehen brennt...“*
Die Worte hallten in ihrem Kopf wider, voller Ironie, die sie nicht ignorieren konnte. Liebe. Feuer. Zwei Dinge, die sie gelernt hatte, mit Vorsicht zu behandeln. Sie klappte das Buch mit einem leisen Knall zu und stellte es zurück ins Regal.
— Das ist eines meiner Lieblingsgedichte.
Daniels Stimme überraschte sie. Tief, mit einem leicht rauen Timbre, als hätte er die letzte Nacht in einer Bar verbracht und über Dinge gesprochen, die keine Rolle spielten. Lara drehte sich langsam um und fand ihn nur wenige Schritte entfernt, seine grünen Augen – grün wie Moos nach dem Regen – auf sie gerichtet.
— Wirklich? — erwiderte sie und versuchte, lässig zu klingen. — Ich fand immer, dass Camões ein bisschen übertreibt.
— Übertreibt? — Er hob eine Augenbraue, amüsiert. — Oder sagt er einfach nur die Wahrheit?
— Die Wahrheit ist subjektiv — konterte sie und verschränkte die Arme. Die Bewegung ließ ihren Ausschnitt ein wenig weiter aufgehen, und sie bemerkte, wie sein Blick für den Bruchteil einer Sekunde nach unten glitt, bevor er wieder zu ihrem Gesicht zurückkehrte. — Was liest du da?
Daniel zögerte, als überlegte er, ob er es teilen sollte. Dann hielt er ihr das Buch hin. *Die Architektur der Begierde: Räume, die verführen*. Der Titel in goldenen Lettern schien im Licht zu glühen.
— Interessant — murmelte Lara und strich mit den Fingern über den Einband. — Und was macht ein Architekt mit so einem Buch?
— Recherche — antwortete er und trat ein wenig näher. Der Duft seines Parfüms – etwas Zitrusartiges mit einem Hauch Sandelholz – erreichte sie, vermischte sich mit dem Kaffeearoma, das aus dem hinteren Teil der Buchhandlung drang. — Ich entwerfe ein Haus für einen Kunden, der möchte, dass jeder Raum eine Geschichte erzählt. Dass er verführt.
— Und wie verführt man mit Architektur?
— Mit Licht — sagte er, und seine Stimme wurde eine Nuance tiefer. — Mit Texturen. Mit Räumen, die zum Berühren einladen. — Er machte eine Pause, seine Augen glitten über ihr Gesicht, bevor sie sich auf ihre Lippen hefteten. — Mit dem Versprechen, dass man, wenn man erst einmal eingetreten ist, nicht mehr gehen möchte.
Lara spürte, wie ihr die Luft wegblieb. War das eine Provokation? Oder nur ein harmloses Gespräch zwischen zwei Fremden in einer Buchhandlung? Sie sollte etwas Geistreiches erwidern, das Thema wechseln, aber die Worte schienen sich in der feuchten Luft aufgelöst zu haben.
— Und du? — fragte Daniel und durchbrach die Stille. — Was macht eine Lektorin an einem Regentag in einer Buchhandlung?
— Ich verstecke mich — gab sie zu, bevor sie sich bremsen konnte. — Vor dem Regen, vor der Arbeit, vor mir selbst.
Er lachte, ein tiefer, warmer Klang.
— Und funktioniert es?
— Noch nicht.
Die beiden blieben stehen, der Raum zwischen ihnen geladen mit etwas, das keiner von beiden zu benennen wagte. Der Regen prasselte gegen die Scheiben, ein gleichmäßiger Rhythmus, der Laras Herzschlag zu begleiten schien. Sie konnte die Wärme seines Körpers spüren, selbst auf Distanz, als wäre die Luft zwischen ihnen zu einem elektrischen Strom geworden.
— Es gibt ein Café hier hinten — sagte Daniel schließlich. — Wenn du dich besser verstecken willst.
Lara zögerte. Einen Kaffee anzunehmen bedeutete, diesen Moment zu verlängern, die Spannung zwischen ihnen bis zu einem Punkt wachsen zu lassen, an dem es kein Zurück mehr gab. Aber abzulehnen hieße, zuzugeben, dass sie Angst hatte.
— Sehr gern — antwortete sie lächelnd.
Er streckte die Hand aus, um ihr den Weg zu weisen. Lara ging an ihm vorbei und spürte die leichte Berührung ihrer Körper, als wäre allein das Nebeneinandergehen einstudierter Tanz. Und als sich ihre Finger zufällig berührten, taten beide so, als hätten sie den Schauer nicht bemerkt, der über ihre Haut lief.
Der Regen draußen hielt unvermindert an. Doch in der Buchhandlung begann das Feuer bereits zu lodern.
Das erste Buch entglitt Laras Fingern, bevor sie es überhaupt bemerkte. Es war ein Hardcover-Band mit einem Einband aus altem Leder, die goldenen Lettern glänzten im gelblichen Licht der Buchhandlung, als es zwischen ihren Fingern hindurchglitt. Das Geräusch war minimal – der Buchrücken, der auf den Boden klatschte wie ein unterdrücktes Seufzen –, aber genug, um zu spüren, wie ihr die Röte in den Nacken stieg. Bevor sie sich bücken konnte, folgten zwei weitere Bücher demselben Weg, fielen in einer unordentlichen Kaskade auf den abgetretenen Teppich und breiteten sich fächerförmig zu ihren Füßen aus.
Erst da bemerkte sie ihn.
Daniel stand ein paar Schritte entfernt, vertieft in die Betrachtung eines Buches über gotische Architektur, die aufgeschlagenen Seiten zeigten Spitzbögen und Glasfenster, die das Licht des Raumes zu verschlucken schienen. Doch etwas ließ ihn aufblicken – vielleicht die plötzliche Bewegung, vielleicht das gedämpfte Geräusch des Falls. Ihre Blicke trafen sich im selben Moment, in dem das letzte Buch umkippte, und Lara spürte, wie ihr die Luft in den Lungen stockte.
Er lächelte nicht sofort. Zuerst gab es nur diesen Moment stummen Erkennens, als wüssten beide ohne Worte, dass sich gerade etwas verändert hatte. Dann, langsam, verzogen sich seine Mundwinkel, nicht zu einem Lachen, sondern zu etwas Intimerem, fast Verschworenen. Lara senkte den Blick für einen Augenblick, tat so, als konzentriere sie sich auf die verstreuten Bücher, doch die Hitze in ihren Wangen verriet sie.
— Entschuldigung — murmelte sie und bückte sich, um die Bände aufzuheben. — Ich bin normalerweise nicht so tollpatschig.
Daniel war mit zwei Schritten bei ihr, kniete sich neben sie mit einer Natürlichkeit, die ihr den Atem raubte. Seine Finger streiften ihre, als beide nach demselben Buch griffen – *Das Parfum* von Süskind, der schwarze Einband mit silbernen Lettern, die das Licht wie ein Spiegel reflektierten. Lara zog ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.
— Ich helfe dir — sagte er, die Stimme tief, fast ein Flüstern. — Bücher haben die Angewohnheit, einem zu entgleiten, wenn man es am wenigsten erwartet.
Sie hob den Blick und begegnete seinem erneut. Seine Augen waren braun, aber nicht irgendein Braun – es gab Nuancen von Bernstein und Honig, als hätte sich das Licht der Buchhandlung in seine Iris geschlichen. Lara bemerkte mit einem leichten Schrecken, dass sie ihn zu lange ansah.
— Ja — stimmte sie zu und versuchte, lässig zu klingen. — Oder wenn man abgelenkt ist.
— Wovon? — fragte er und nahm eines der Bücher in die Hand, drehte es zwischen seinen Fingern. — Vom Regen? Vom Kaffeemangel? Oder von etwas... Interessanterem?
Die Frage hing in der Luft, geladen mit einer Absicht, die Lara nicht zu entschlüsseln wagte. Sie biss sich auf die Unterlippe, spürte den metallischen Geschmack des Lippenstifts, den sie Stunden zuvor aufgetragen hatte, ohne zu ahnen, dass sie hier enden würde – auf dem Boden einer fremden Buchhandlung, tauschte doppeldeutige Sätze mit einem Fremden aus.
— Vielleicht von den ersten beiden — antwortete sie schließlich. — Das Dritte weiß ich noch nicht.
Daniel lachte, ein tiefer, warmer Klang, der in seiner Brust widerhallte. Lara bemerkte zum ersten Mal, wie sein Hemd – ein leicht zerknittertes hellblaues Leinen – sich über seinen Schultern spannte und Muskeln nachzeichnete, die nicht aus dem Fitnessstudio stammten, sondern von jemandem, der mehr als Bücher trug. Er streckte die Hand aus, um ihr aufzuhelfen, und Lara zögerte, bevor sie sie ergriff. Als sich ihre Finger berührten, durchzuckte sie ein elektrischer Schlag, so intensiv, dass sie fast aufgestöhnt hätte.
— Lara — sagte sie, als wäre ihr Name ein Geständnis.
— Daniel.
Der Händedruck dauerte eine Sekunde zu lange. Als sie sich lösten, spürte Lara die Abwesenheit der Berührung wie einen Verlust.
— Arbeitest du hier? — fragte sie und versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen, während sie sich umsah, als könnte die Buchhandlung eine Antwort liefern.
— Nein — er lachte und schüttelte den Kopf. — Nur ein Stammkunde. Und du?
— Lektorin. Ich war auf dem Weg zu einem Meeting, als der Regen mich erwischt hat.
— Meetings sind schrecklich — kommentierte er und reichte ihr das letzte Buch vom Boden. — Besonders, wenn sie etwas Besseres unterbrechen.
Lara hielt den Band gegen ihre Brust, als wäre er ein Schild. *Das Parfum* schien jetzt schwerer, als hätten die Worte darin eine neue Bedeutung gewonnen.
— Und was wäre besser? — fragte sie und forderte ihn mit den Augen heraus.
Daniel antwortete nicht sofort. Stattdessen beugte er sich leicht vor, als wollte er ein Geheimnis teilen. Lara roch seinen Duft – Sandelholz und etwas Zitrusartiges wie Bergamotte – und musste sich beherrschen, um nicht die Augen zu schließen und tief einzuatmen.
— Kommt drauf an — murmelte er. — Manchmal geht es nur darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Sie wusste, dass er nicht von der Buchhandlung sprach.
Eine Stille breitete sich zwischen ihnen aus, unterbrochen nur vom Prasseln des Regens gegen die Fenster. Lara bemerkte, dass sie noch immer knieten, viel zu nah beieinander, die Knie fast aneinandergepresst. Wenn sie sich nur ein paar Zentimeter vorbeugte, würden sich ihre Lippen berühren. Der Gedanke erschreckte und erregte sie gleichermaßen.
— Sprichst du immer in Rätseln? — fragte sie und versuchte, die Spannung zu lösen.
— Nur, wenn die Situation es verlangt — antwortete er lächelnd. — Und diese hier scheint es zu verlangen.
Lara lachte, ein leiser Klang, der zwischen den Regalen widerhallte. Daniel streckte erneut die Hand aus, diesmal nicht, um ihr aufzuhelfen, sondern um eine Haarsträhne wegzustreichen, die sich aus ihrem zerzausten Dutt im Nacken gelöst hatte. Die Berührung war kurz, aber genug, um die raue Textur seiner Finger zu spüren, die von der Arbeit mit den Händen schwielig waren.
— Du hast Farbe im Gesicht — sagte er leise.
— Was?
— Hier — er deutete an und strich mit dem Daumen knapp unter ihrem Wangenknochen entlang. — Blau. Muss passiert sein, als du die Bücher fallen ließt.
Lara hob die Hand zum Gesicht, doch er hielt ihr Handgelenk fest, bevor sie reiben konnte.
— Lass es — bat er. — Es steht dir.
Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Die Buchhandlung schien um sie herum zu schrumpfen, die Regale schlossen sich wie die Wände eines Labyrinths, aus dem sie nicht entkommen wollten. Der Regen draußen hielt unvermindert an, doch hier drinnen war die Luft schwer, geladen mit etwas, das keiner von beiden zu benennen wagte.
Daniel stand zuerst auf und reichte ihr die Hand. Lara nahm sie, spürte die Kraft in seinen Fingern, als er sie hochzog. Für einen Moment standen ihre Körper viel zu nah beieinander – sie konnte die Wärme spüren, die von ihm ausging, sah den beschleunigten Puls an der Basis seines Halses. Er wich nicht zurück.
— Magst du Kunst? — fragte er plötzlich, als wäre die Frage das Einzige, was den Bann brechen konnte.
— Kommt drauf an — antwortete sie und wiederholte seine Worte. — Auf die Art.
— Die Art, die dich den Atem vergessen lässt?
Lara lächelte, spürte ihr Herz schneller schlagen.
— Diese Art, ja.
Daniel hielt ihren Blick eine Sekunde länger fest, dann drehte er sich um und ging auf die Regale im hinteren Teil zu. Lara folgte ihm, spürte den weichen Teppich unter ihren Füßen, den Geruch von altem Papier und schwachem Kaffee, der sich mit seinem Parfüm vermischte. Als er vor einem Regal voller Kunstbücher stehen blieb, wurde ihr klar, dass sie nicht mehr an das verpasste Meeting dachte, noch an den Regen, der sie hier festhielt.
Es gab nur noch Platz für ihn.
Und für die Frage, die in ihrem Kopf brannte: *Was passiert jetzt?*
Der Regen schlug mit einer fast lüsternen Beharrlichkeit gegen die Fenster der Buchhandlung, als wäre jeder Tropfen ein Finger, der über das Glas strich, hartnäckig, feucht, unerbittlich. Das gedämpfte Geräusch vermischte sich mit dem leisen Knistern der Heizung in der Ecke, dem Rascheln umblätternder Seiten anderer Kunden, dem fernen Klirren von Tassen im Café. Lara und Daniel hatten sich von dem Kunstregal entfernt, aber nicht voneinander – nicht vollständig. Jetzt lehnten sie an demselben Regal mit ausländischer Literatur, die Schultern fast berührend, während sie in Büchern blätterten, die keiner von beiden wirklich las.
— Hast du *Die Liebe in den Zeiten der Cholera* gelesen? — fragte Daniel und hielt ein Exemplar mit vergilbtem Einband zwischen den Fingern. Seine Stimme war leise, fast verschwörerisch, als würde er ein Geheimnis teilen.
Lara neigte den Kopf und beobachtete, wie das bernsteinfarbene Licht der Lampe über ihnen die silbernen Strähnen an seinen Schläfen betonte. — Zweimal. Das erste Mal mit achtzehn, als ich dachte, es sei eine Liebesgeschichte. Das zweite Mal mit fünfundzwanzig, als ich merkte, dass es um Geduld geht.
— Und jetzt? — murmelte er und trat einen Zentimeter näher.
— Jetzt? — Sie lächelte und spürte, wie die Hitze in ihrem Nacken aufstieg. — Ich glaube, es geht darum, dass das Verlangen nie altert. Es tarnt sich nur besser.
Daniel lachte, ein tiefer, rauer Klang, der etwas in ihr zusammenzog. — Du hast für alles eine Theorie, oder?
— Nur für die wichtigen Dinge. — Lara schloss das Buch, das sie nicht las, und stellte es zurück ins Regal. — Und du? Was ist dein Lieblingsroman?
Er zögerte, als würde die Frage mehr als eine einfache Antwort verlangen. — *Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins*. Aber nicht aus dem Grund, den alle nennen.
— Ach nein? — Sie hob eine Augenbraue. — Und was ist der Grund?
— Weil Kundera über das Gewicht des Körpers schreibt. — Daniel senkte die Stimme, und seine Finger streiften ihre, als er ein anderes Buch vom Regal nahm. — Darüber, wie die Haut sich an das erinnert, was der Verstand zu vergessen versucht. Wie eine Berührung wahrer sein kann als jedes Wort.
Lara hielt den Atem an. Die Luft zwischen ihnen schien dick, geladen mit etwas, das keiner von beiden zu benennen wagte. — Und glaubst du das?
— An Tagen wie heute? — Er sah sie an, die dunklen Augen reflektierten das goldene Licht. — Ja.
Sie wandte den Blick zuerst ab und tat so, als interessiere sie sich für einen Gedichtband von Neruda. — Reist du viel? — fragte sie und versuchte, die Spannung zu lösen, doch die Frage klang intimer, als sie beabsichtigt hatte.
— Genug, um zu wissen, dass die besten Orte die sind, für die man keine Pläne macht. — Daniel stützte den Ellbogen aufs Regal und beugte sich leicht zu ihr. — Und du?
— Ich sammle Städte wie manche Leute Bücher. — Lara blätterte eine Seite um, ohne zu lesen. — Jede hat einen Geruch, einen Rhythmus. Paris riecht nach frischem Brot und Benzin. Istanbul nach Gewürzen und Meer. Tokio nach Elektrizität und grünem Tee.
— Und hier? — fragte er, die Stimme fast ein Flüstern. — Wonach riecht dieser Ort?
Sie schloss die Augen für einen Moment und atmete tief ein. — Nach altem Papier, verbranntem Kaffee und... — zögerte sie — ...etwas anderem. Etwas, das ich nicht benennen kann.
— Vielleicht ist es der Geruch des Regens, der durch die Ritzen dringt — schlug Daniel vor, doch seine Augen ließen sie nicht los.
— Oder der Geruch von etwas, das beginnt — murmelte Lara, bevor sie sich bremsen konnte.
Die folgende Stille war schwer, unterbrochen nur vom stärker werdenden Prasseln des Regens, als würde auch der Himmel den Atem anhalten. Daniel streckte die Hand aus, nicht um sie zu berühren, sondern um den Kragen ihres Pullovers zurechtzurücken, eine so beiläufige Geste, dass sie unbemerkt hätte bleiben können – wäre da nicht die Art gewesen, wie seine Finger eine Sekunde zu lange an der Kurve ihres Halses verweilten.
— Ist dir kalt? — fragte er, obwohl er wusste, dass es nicht so war.
— Nein — antwortete Lara mit rauer Stimme. — Mir ist heiß.
Er lächelte langsam und gefährlich. — Mir auch.
Der Abstand zwischen ihnen verringerte sich, ohne dass einer von beiden sich bewegte. Lara spürte die Wärme seines Körpers, die Art, wie sein Atem schneller ging, als würde er einen unsichtbaren Marathon laufen. Sie fragte sich, ob er auch den unregelmäßigen Rhythmus ihres eigenen Herzens spüren konnte, ob er bemerkte, wie ihre Hände leicht zitterten, als sie das Buch hielt.
— Warst du schon mal in Lissabon? — fragte Daniel plötzlich, als bräuchte er einen Anker.
— Einmal. — Lara klammerte sich an den Themenwechsel wie an einen Rettungsring. — Im Winter. Es regnete so sehr, dass die Straßen wie Flüsse aussahen.
— Ich habe dort sechs Monate gelebt. — Er trat noch näher, jetzt so nah, dass sie die kleinen Narben an seinem Kiefer sehen konnte, die leicht aufgesprungenen Lippen von der Kälte. — Ich arbeitete an einem Restaurierungsprojekt im Bairro Alto. Abends, nach der Arbeit, ging ich oft hinauf zum Miradouro de Santa Luzia, nur um dem Klang der Stadt zu lauschen.
— Und was hast du gehört?
— Den Wind in den Bäumen. Das Klirren der Straßenbahnen. — Er machte eine Pause, die Augen auf sie gerichtet. — Und manchmal das Geräusch von jemandem, der neben mir atmete.
Lara schluckte. — Und mochtest du es?
— Kommt drauf an. — Seine Hand streifte ihre erneut, diesmal mit Absicht. — Auf wen.
Sie hätte zurückweichen sollen. Hätte einen Schritt zurücktreten, höflich lächeln und das Thema wechseln sollen. Doch ihr Körper gehorchte nicht. Stattdessen beugte sie sich leicht vor, als würde sie von einem Magneten angezogen, und ihre Knie berührten sich. Eine minimale Berührung, fast unschuldig – wäre da nicht der elektrische Schlag gewesen, der über ihre Haut lief.
— Daniel — begann sie, doch die Worte erstarben in ihrer Kehle, als er die Hand hob und mit quälender Langsamkeit eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht strich. Seine Finger streiften ihre Schläfe, ihre Wange, den Mundwinkel, und Lara spürte, wie ihr ganzer Körper erschauerte.
— Was ist? — fragte er mit rauer Stimme.
— Nichts. — Sie log. — Nur... dieser Regen.
Er lachte leise, ein Klang, der irgendwo tief in ihr vibrierte. — Der Regen hat nichts damit zu tun.
Und dann, ohne Vorwarnung, beugte er sich noch weiter vor, bis sich ihre Stirnen fast berührten. Lara spürte seinen warmen Atem auf ihren Lippen, roch den Kaffee und etwas Süßeres, wie Vanille. Ihre Augen schlossen sich instinktiv, und sie wusste – wusste –, dass er sie küssen würde.
Doch stattdessen wich Daniel gerade so weit zurück, dass der Moment sich dehnte, qualvoll, köstlich. — Möchtest du einen Kaffee? — fragte er, als hätte er nicht gerade jeden Nerv in ihrem Körper in Brand gesetzt.
Lara öffnete die Augen, benommen. — Was?
— Kaffee. — Er lächelte, als wüsste er genau, welche Wirkung seine Worte hatten. — Das Café hier ist klein, aber der Cappuccino ist annehmbar.
Sie hätte nein sagen sollen. Hätte sich eine Ausrede einfallen lassen sollen, irgendetwas. Doch die Wahrheit war, dass sie nicht gehen wollte. Noch nicht. Nicht, wenn jede Zelle ihres Körpers nach mehr von diesem gefährlichen Spiel schrie.
— Dann Cappuccino — stimmte sie zu, und ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte.
Daniel lächelte zufrieden und bot ihr den Arm wie ein Gentleman aus einer anderen Zeit. Lara nahm ihn, verschränkte ihre Finger mit seinen, und die Berührung war wie ein elektrischer Schlag. Während sie in Richtung des hinteren Teils der Buchhandlung gingen, bemerkte sie, dass der Regen draußen intensiver, wilder geworden war – als würde auch der Himmel die Kontrolle verlieren.
Und vielleicht, dachte Lara, während die Wärme seiner Hand sich in ihrem Körper ausbreitete, war das gar nicht so schlimm.
Das Café der Buchhandlung war ein vom Zahn der Zeit vergessenes Eckchen, versteckt zwischen Regalen mit seltenen Büchern und einer von Regen beschlagenen Glaswand. Der Raum bot kaum Platz für vier dunkle Holztische, abgenutzt vom Gebrauch, und eine Theke, auf der eine italienische Kaffeemaschine leise vor sich hin blubberte und ein dichtes Aroma gerösteter Bohnen verströmte. Das gelbliche Licht der gusseisernen Lampen schuf warme Kreise im Raum, als wäre jeder Tisch eine kleine Bühne der Intimität.
Daniel zog einen Stuhl für Lara zurück, die Geste sanft, fast ehrfürchtig. Sie setzte sich, ihre Beine streiften leicht den rauen Stoff ihres Rocks, und beobachtete, wie er den Tisch umrundete, um sich ihr gegenüber niederzulassen. Die Bewegung war langsam, bedacht, als wäre jeder Schritt Teil eines Tanzes, den nur die beiden kannten. Als er sich setzte, berührten sich ihre Knie unter dem Tisch, eine flüchtige Berührung, doch genug, um die Luft zwischen ihnen vibrieren zu lassen.
— Nimmst du Zucker? — fragte er und beugte sich leicht vor, die Ellbogen auf den Tisch gestützt. Seine Stimme war leise, fast ein Flüstern, als würde er ein Geheimnis teilen.
Lara schüttelte den Kopf, ihre Finger spielten mit dem Henkel ihrer Tasche auf ihrem Schoß. — Nur etwas Zimt. Wenn es welchen gibt.
— Gibt es immer. — Er lächelte, und die Fältchen in seinen Augenwinkeln vertieften sich auf eine Weise, die ihr einen Stich im Magen versetzte. — Ich mag es, zu denken, dass Zimt das Gewürz der Geduld ist. Etwas, das sich nicht hetzen lässt, das den Geschmack langsam entfaltet.
Sie lachte, ein leiser, fast überraschter Klang. — Ist das eine Metapher für irgendetwas?
— Vielleicht. — Daniel stand auf, doch nicht, ohne seine Finger leicht über ihre Schulter streichen zu lassen. Die Berührung war schnell, fast unmerklich, doch Lara spürte, wie sich die Hitze wie verschüttete Tinte auf ihrer Haut ausbreitete. — Oder vielleicht mag ich einfach, wie Zimt den Kaffee gefährlicher macht.
Während er sich zur Theke entfernte, ließ Lara ihren Blick durch den Raum schweifen und versuchte, sich von dem Kribbeln abzulenken, das noch dort bestand, wo er sie berührt hatte. Der Regen schlug in schweren Wellen gegen die Scheibe und verwandelte die Welt draußen in ein verschwommenes Gemälde. Drinnen jedoch war die Luft warm, dicht, erfüllt vom Geruch alten Papiers und frischen Kaffees. Sie kreuzte die Beine, spürte die Reibung der Strumpfhose auf ihrer Haut, und fragte sich, ob er bemerken würde, wie sehr ihre Hände zitterten, wenn er zurückkam.
Daniel stellte die Tassen vorsichtig auf den Tisch, als wären sie aus feinstem Porzellan. Laras Cappuccino war mit einem perfekten Blattmuster aus Milchschaum verziert, bestäubt mit Zimt. Seiner, schwarz und ohne Verzierung, wirkte wie eine Absichtserklärung.
— Dekorierst du deinen nicht? — fragte sie und hob die Tasse mit beiden Händen, spürte, wie die Wärme in ihre Handflächen drang.
— Ich mag keine Ablenkungen. — Er führte die Tasse an die Lippen, die Augen über den Rand hinweg auf sie gerichtet. — Ich konzentriere mich lieber auf das, was wirklich wichtig ist.
Lara nahm einen Schluck und ließ die heiße Flüssigkeit ihre Kehle hinabgleiten. Der Geschmack war intensiv, zunächst bitter, doch mit einem süßen Nachklang. — Und was ist das Wichtige, Daniel?
Er stellte die Tasse langsam ab, seine Finger umschlossen das Porzellan noch immer, als wollte er es nicht loslassen. — Ich glaube, das weißt du.
Die folgende Stille war schwer, unterbrochen nur vom Prasseln des Regens und dem fernen Summen der Kaffeemaschine. Lara spürte ihr Herz schneller schlagen, als wollte es aus ihrer Brust entkommen. Sie blickte zum Fenster, doch die Dunkelheit draußen spiegelte nur die beiden wider, so nah beieinander, dass sich ihre Schatten vermischten.
— Reist du viel? — fragte sie und versuchte, die Spannung zu brechen, doch ihre Stimme klang rauer als beabsichtigt.
— Wenn ich kann. — Daniel lehnte sich zurück, seine Finger trommelten leicht auf den Tisch. — Architektur ist ein Beruf, der verlangt, die Welt zu sehen. Jeder Ort hat seine eigene Sprache, eine Art, Geschichten ohne Worte zu erzählen.
— Und was war die schönste Geschichte, die du je gehört hast?
Er lächelte, als hätte die Frage ihn überrascht. — Einmal, in Lissabon, traf ich einen alten Mann, der in der Alfama Bücher reparierte. Er sagte mir, dass jede zerrissene Seite ein Leben sei, das geflickt werden müsse. — Er machte eine Pause, seine dunklen Augen funkelten im gelblichen Licht. — Ich glaube, er hatte recht. Bücher, Menschen... manchmal braucht es nur jemanden, der die Stücke zusammenfügt.
Lara spürte ein Kribbeln im Rücken. — Sprichst du immer so?
— Wie denn?
— Als wäre jedes Wort eine Einladung.
Daniel beugte sich wieder vor, ihre Knie berührten sich unter dem Tisch. Diesmal gab es kein Zurückweichen. — Und wenn es so wäre?
Sie antwortete nicht. Stattdessen führte sie die Tasse erneut an die Lippen, trank aber nicht. Sie hielt seinen Blick fest, spürte, wie sich die Wärme des Kaffees mit der Hitze vermischte, die ihren Nacken hinaufstieg. Die Welt um sie herum schien geschrumpft, reduziert auf diesen kleinen Lichtkreis, auf diesen Mann, dessen Augen Dinge versprachen, die sie nicht einmal zu benennen wagte.
— Lara — murmelte er, und der Klang ihres Namens in seiner Stimme war wie eine Berührung. — Du zitterst.
Sie hatte es nicht bemerkt, doch es stimmte. Ihre Hände, zuvor noch fest, zitterten nun leicht um die Tasse. — Es ist die Kälte — log sie.
Daniel sagte nichts. Er streckte nur die Hand über den Tisch aus, seine Finger schwebten Zentimeter von ihren entfernt, als bäte er um Erlaubnis. Lara rührte sich nicht. Wich nicht zurück. Und als er schließlich ihre Hand berührte, durchzuckte sie ein elektrischer Schlag.
— Es ist nicht die Kälte — sagte er mit rauer Stimme. — Es ist dasselbe, was meine Finger zittern lässt, wenn ich in deiner Nähe bin.
Sie hätte sich zurückziehen sollen. Hätte sich daran erinnern sollen, dass sie sich an einem öffentlichen Ort befanden, dass jeder hereinkommen und sie sehen konnte. Doch die Wahrheit war, dass sie es nicht wollte. Nicht, wenn sein Daumen begann, langsame Kreise auf die empfindliche Haut ihres Handgelenks zu zeichnen, nicht, wenn jede Bewegung Wellen der Lust durch ihren Arm sandte, nicht, wenn seine Augen sie festhielten, als wäre sie das Einzige, das auf der Welt zählte.
— Was machen wir hier? — flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm.
Daniel lächelte, ein langsames, gefährliches Lächeln. — Ich glaube, wir lassen den Kaffee kalt werden.
Und dann, ohne Vorwarnung, stand er auf und zog sie sanft an der Hand hoch. Lara erhob sich ohne Widerstand, ihre Finger verschränkten sich mit seinen, ihr Körper reagierte, noch bevor ihr Verstand protestieren konnte. Er führte sie weg vom Tisch, weg vom Licht, in eine dunklere Ecke des Cafés, wo ein hohes Regal sie teilweise vor dem Rest der Welt verbarg.
— Daniel... — begann sie, doch die Worte erstarben, als er sie gegen das kalte Holz des Regals drückte, sein Körper sich mit kontrollierter Dringlichkeit gegen ihren presste.
— Pssst — murmelte er, seine Lippen schwebten über ihren, so nah, dass sie die Wärme seines Atems spürte. — Sag mir nur, dass du das auch spürst.
Lara musste nicht antworten. Die Art, wie sie sich gegen ihn wölbte, wie sich ihre Finger in den Kragen seines Hemdes krallten, sagte alles. Daniel stöhnte leise, ein Geräusch, das gegen ihren Mund vibrierte, noch bevor sich ihre Lippen berührten.
Und dann küsste er sie endlich.
Es war kein sanfter Kuss. Es war kein zögerlicher Kuss. Es war ein hungriger, verzweifelter Kuss, als hätten beide Jahre auf diesen Moment gewartet. Lara schmeckte Kaffee und Zimt auf seiner Zunge, vermischt mit etwas Primitiverem, Wilderem. Daniels Hände glitten ihren Rücken hinab, zogen sie näher an sich, während ihre sich in seinen Haaren vergruben und ihn festhielten, als fürchte sie, er könnte verschwinden.
Als sie sich voneinander lösten, atmeten beide schwer. Lara lehnte ihre Stirn gegen seine, die Augen geschlossen, und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. — Das war... — begann sie, doch sie fand keine Worte.
— Unvermeidlich — beendete Daniel den Satz mit rauer Stimme.
Sie öffnete die Augen und sah ihn lächeln, ein Lächeln, das zugleich triumphierend und voller Versprechungen war. Und dann, ohne Vorwarnung, nahm er ihre Hand erneut, doch diesmal gab es kein Zögern. Diesmal zog er sie aus dem Café hinaus, zurück ins Labyrinth der Regale, in Richtung eines Ortes, an dem das Licht schwächer und die Schatten großzügiger waren.
— Wohin gehen wir? — fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte.
Daniel blickte zurück, seine dunklen Augen funkelten mit einer Intensität, die ihr Herz schneller schlagen ließ. — Irgendwohin, wo wir beenden können, was wir begonnen haben.
Daniels Hand brannte noch immer in ihrer, selbst nachdem er sie losgelassen hatte, um die Seite des aufgeschlagenen Buches umzublättern. Lara beobachtete seine langen, leicht schwieligen Finger, wie sie die Konturen einer Sepiazeichnung nachzeichneten – eine Frau im Profil, die Lippen halb geöffnet, als würde sie dem Wind Geheimnisse zuflüstern. Das Papier war rau unter seinen Fingerspitzen, und sie stellte sich vor, wie sich diese Textur auf ihrer Haut anfühlen würde, an Stellen, wo die Berührung nicht durch Tinte und Worte vermittelt wurde.
— Schau — murmelte er und beugte sich näher. Sein warmer Atem streifte ihr Ohr, und Lara hielt den Atem an. — Hier, der Schatten ihres Halses... er ist fast flüssig.
Sie antwortete nicht. Konnte nicht. Seine Stimme, tief und rau, hatte sich in ihre Knochen geschlichen, als wäre jede Silbe ein Faden, der sie näher zu ihm zog. Das Buch zitterte leicht zwischen ihnen, und sie bemerkte, dass es ihre Hand war, nicht seine, die bebte. Daniel hob den Blick und begegnete ihrem, und für einen Moment reduzierte sich die Welt auf diesen winzigen Abstand zwischen ihren Gesichtern, auf den Geruch von Kaffee und altem Papier, auf das gedämpfte Prasseln des Regens gegen die Fenster der Buchhandlung.
— Du zitterst — sagte er, und es war keine Frage.
Lara biss sich auf die Unterlippe und schmeckte den metallischen Geschmack des Lippenstifts, den sie Stunden zuvor aufgetragen hatte. — Es ist die Kälte — log sie.
Daniel lächelte langsam, als wüsste er genau, was sie tat. Dann, ganz bewusst, nahm er ihre Hand erneut, doch diesmal nicht, um auf etwas im Buch zu zeigen. Seine Finger verschränkten sich mit ihren, Handfläche an Handfläche, und die Hitze war sofort da, fast unerträglich. Lara spürte ihren Puls in der Kehle, in den Schläfen, zwischen den Beinen.
— Es ist nicht die Kälte — flüsterte er und trat noch näher. Sein Knie streifte ihres, und sie wich nicht zurück. — Es ist dieselbe Hitze, die ich spüre.
Sie hätte etwas Geistreiches sagen sollen. Hätte den Blick abwenden, lachen oder irgendetwas tun sollen, das nicht das war, was sie als Nächstes tat. Doch als er sein Gesicht neigte, seine Lippen nur Zentimeter von ihren entfernt, dachte Lara nicht nach. Sie handelte einfach.
Sie zog ihn am Kragen seines Hemdes zu sich, spürte, wie der gestärkte Stoff unter ihren Fingern nachgab, und presste ihren Mund auf seinen.
Es war, als würde man nach einem ganzen Winter in warmes Wasser eintauchen. Daniels Lippen waren weich, aber fest, und antworteten auf den Kuss mit einem Hunger, der sie leise stöhnen ließ. Er zog sie näher an sich, eine Hand an ihrem unteren Rücken, die andere in ihren Haaren vergraben, und Lara spürte, wie sich die Welt drehte. Das Buch fiel mit einem dumpfen Aufprall zu Boden, die Seiten breiteten sich wie Blätter im Wind aus, doch keiner von beiden kümmerte sich darum.
— Verdammt — murmelte er gegen ihren Mund, die Stimme gebrochen. — Ich wollte mich wie ein Gentleman benehmen.
Lara lachte, ein feuchter, atemloser Klang, und biss ihm leicht in die Unterlippe. — Seit wann bist du das?
Daniel antwortete nicht mit Worten. Stattdessen schob er sie sanft gegen das Regal, das kalte Metall der Regalböden drückte gegen ihren Rücken. Seine Hände glitten nach unten, packten ihre Oberschenkel, und Lara schlang ihre Beine um seine Hüften, ohne nachzudenken. Ihr Kleid rutschte hoch und entblößte ihre empfindliche Haut der Rauheit seiner Jeans, und sie bog sich ihm entgegen, auf der Suche nach mehr Kontakt.
— Wir müssen irgendwohin gehen — sagte er, seine Lippen wanderten über ihren Kiefer, ihren Hals, das Tal zwischen ihren Brüsten. — Bevor ich etwas tue, das uns hier rauswirft.
Lara nickte, doch sie ließ ihn nicht los. Konnte nicht. Jede Zelle ihres Körpers war auf ihn eingestimmt, auf den Geruch von Sandelholz und sauberem Schweiß, auf das Gewicht seines Körpers gegen ihren, auf die Art, wie seine Finger ihr Fleisch packten, als fürchte er, sie könnte sich in Luft auflösen.
— Das Lager — brachte sie zwischen Küssen hervor. — Hinten.
Daniel zögerte nicht. Mit einer schnellen Bewegung hob er sie hoch, seine Hände fest unter ihren Pobacken, und Lara stieß einen überraschten Schrei aus, der in Lachen überging, als er sie durch den schmalen Gang trug, geschickt Hindernissen aus Büchern und abgelenkten Kunden ausweichend. Sie vergrub ihr Gesicht in seinem Nacken und atmete tief ein, während sie spürte, wie sich sein Schritt beschleunigte.
Das Lager war klein, nur schwach beleuchtet von einer gelblichen Lampe, die von der Decke hing. Stapel von Bücherkisten bildeten improvisierte Wände, und die Luft roch nach altem Papier und feuchtem Holz. Sobald sich die Tür hinter ihnen schloss, drückte Daniel sie dagegen, ihre Körper von den Lippen bis zu den Knien aneinandergedrückt.
— Weißt du eigentlich, was du mit mir anstellst? — fragte er, seine Stimme ein tiefes Knurren. Seine Hände glitten unter ihr Kleid, seine Finger fanden den Spitzenstoff ihres Slips. — Seit ich dich diese Bücher hast fallen sehen, kann ich nur noch daran denken, wie es wäre, dich so zu haben.
Lara stöhnte auf, als er sie berührte, seine Finger zeichneten langsame Kreise auf dem feuchten Stoff. — Dann hör auf zu denken — flüsterte sie und zog sein Hemd aus der Hose. — Und tu es.
Daniel brauchte keine weitere Aufforderung. Mit einer schnellen Bewegung drehte er sie um, drückte sie gegen die Tür, und Lara spürte das kalte Holz gegen ihre harten Brustwarzen. Seine Hände glitten ihre Oberschenkel hinauf, zogen ihr Kleid hoch, und dann wurde ihr Slip mit einem leisen Ratschen heruntergerissen.
— Scheiße — murmelte er, seine Finger erkundeten sie ohne Eile. — Du bist klitschnass.
Lara biss in seine Schulter, um ein Stöhnen zu unterdrücken. — Deine Schuld.
— Ich weiß — sagte er, und dann ersetzte sein Mund seine Finger, seine Zunge heiß und fordernd, und Lara musste sich am Regal neben sich festhalten, um nicht zu fallen. Ihre Beine zitterten, ihre Knie wurden weich, und als er sie mit zwei Fingern penetrierte, sie im richtigen Winkel krümmte, kam sie mit einem erstickten Schrei, ihr ganzer Körper zuckte.
Daniel hörte nicht auf. Er drehte sie wieder um, diesmal zu ihm gewandt, und hob sie hoch, ihre Beine schlangen sich um seine Hüften. Lara spürte den Druck seiner Erektion gegen ihre noch pulsierende Mitte und biss sich auf die Lippe.
— Ich will dich — sagte sie mit stockender Stimme. — Jetzt.
Er antwortete nicht. Stattdessen öffnete er mit einer Hand den Reißverschluss seiner Hose, während die andere sie festhielt. Lara spürte die Hitze seines Schwanzes an ihrem Eingang, und dann, mit einer langsamen, bedachten Bewegung, drang er in sie ein.
Das Stöhnen, das ihr entwich, war primitiv, fast animalisch. Daniel hielt für eine Sekunde inne, die Augen geschlossen, als würde er sich beherrschen, und dann begann er sich zu bewegen. Langsam zunächst, jeder Stoß tief und berechnet, doch bald beschleunigte sich der Rhythmus, ihre Körper prallten mit einer Dringlichkeit gegeneinander, die die Regale zum Beben brachte.
— Schneller — bat Lara, ihre Nägel gruben sich in seinen Rücken. — Bitte.
Daniel gehorchte. Er drückte sie gegen die Wand, seine Hände packten ihre Hüften mit festem Griff, und er erhöhte das Tempo, jeder Stoß härter als der vorherige. Lara spürte, wie sich der Orgasmus erneut aufbaute, eine Welle, die in ihren Zehen begann und aufstieg, aufstieg, bis sie in einem Schrei explodierte, den er mit seinem Mund erstickte.
Ihr Körper zog sich um ihn zusammen, und Daniel stöhnte, seine Bewegungen wurden unkontrolliert, bis er mit einem rauen Knurren kam, das Gesicht in ihrem Nacken vergraben.
Für einen langen Moment blieben sie so, keuchend, ihre Körper noch immer vereint. Lara spürte seinen Herzschlag gegen ihren, beschleunigt, und strich mit den Fingern durch sein feuchtes Haar im Nacken.
— Das war... — begann sie, doch sie konnte den Satz nicht beenden.
Daniel hob den Kopf, seine dunklen Augen funkelten. — Es ist noch nicht vorbei — sagte er, und dann küsste er sie erneut, langsam und tief, während seine Hände begannen, ihren Körper zu erkunden, als hätten sie alle Zeit der Welt.
Lara lächelte gegen seinen Mund.
Die Nacht hatte gerade erst begonnen.
Der Regen hatte sich zu einem gleichmäßigen Murmeln gegen die Scheibe der Buchhandlungstür abgeschwächt, ein Geräusch, das sich dem Rhythmus ihrer noch immer beschleunigten Herzschläge anzupassen schien. Lara rückte den Riemen ihrer Tasche auf der Schulter zurecht und spürte, wie der feuchte Stoff ihrer Bluse sich leicht an ihre Haut schmiegte, als hätte sich die feuchte Luft in jede Pore geschlichen. Daniel stand neben ihr, die Finger noch warm dort, wo sie kurz zuvor ihre Taille berührt hatten, als er sie zu einem weiteren langsamen Kuss an sich gezogen hatte, als wollte er ihren Geschmack in Erinnerung behalten, bevor er sie gehen ließ.
— Du erkältest dich noch — murmelte er und strich mit dem Daumen über die Kontur ihrer Unterlippe, als könnte er nicht widerstehen, sie ein letztes Mal zu berühren.
Lara lächelte und spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg. — Ich mag den Regen.
— Ich auch — antwortete er, doch seine Augen waren nicht auf den grauen Himmel draußen gerichtet. Sie waren auf sie gerichtet, glitten über ihr Gesicht, als wäre jeder Detail eine Seite, die er nicht schließen wollte. — Aber ich mag es lieber, wenn er fällt, während ich an einem warmen Ort bin. Mit dir.
Sie lachte leise, und der Klang vermischte sich mit dem fernen Klirren von Tassen im nun fast leeren Café. Die Buchhandlung war still, nur das Summen der Neonlampen und der Geruch von altem Papier und frischem Kaffee erfüllten den Raum zwischen ihnen. Lara blickte zu den Regalen, zu den Büchern, die Zeugen all dessen gewesen waren, was hier geschehen war, und spürte einen Stich der Wehmut, noch bevor sie ging.
— Ich sollte gehen — sagte sie, doch sie rührte sich nicht. Die Worte klangen wie eine Frage, und Daniel verstand.
— Ich begleite dich zum Auto.
— Das ist nicht nötig.
— Ich möchte es.
Sie widersprach nicht. Die Wahrheit war, dass sie nicht wollte, dass der Abend endete. Noch nicht.
Sie gingen Seite an Seite zur Tür, die Schultern streiften sich leicht, als könnte keiner von beiden einen sicheren Abstand halten. Die Luft draußen war kühl, doch Lara spürte es kaum. Die Wärme von Daniels Körper an ihrer Seite reichte aus, um sie warm zu halten. Der Regen hatte den Asphalt gewaschen, ließ ihn unter dem Licht der Straßenlaternen glänzen, und die Tropfen, die von den Vordächern der Läden fielen, schufen einen fast durchsichtigen Vorhang, als wäre die Welt in einen Schleier gehüllt.
— Wo hast du geparkt? — fragte er, die Stimme leise, als wollte er den Zauber des Moments nicht brechen.
— Zwei Blocks weiter — sie deutete mit dem Kopf in Richtung der Seitenstraße. — Aber du musst nicht—
— Lara.
Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Das gelbliche Licht der Laterne beleuchtete eine Hälfte seines Gesichts, ließ die andere im Schatten, als wäre er zwei Menschen: der Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte, und der, den sie schon seit Jahren zu kennen schien.
— Ich möchte — wiederholte er, und etwas in der Art, wie er es sagte, ließ ihren Magen zusammenziehen.
Sie gingen schweigend weiter, ihre Schritte hallten auf dem leeren Gehweg wider. Der Regen fiel in feinen Fäden, durchnässte Laras Haar, rann ihren Nacken hinab, doch es kümmerte sie nicht. Jeder Tropfen fühlte sich wie eine Liebkosung an, eine Erinnerung daran, dass die Welt draußen noch existierte, auch wenn in diesem Moment nur der Raum zwischen ihnen zählte.
Als sie am Auto ankamen, drehte sich Lara zu Daniel um, zögernd. — Also... — begann sie, doch die Worte erstarben in ihrer Kehle.
Er lächelte langsam, als wüsste er genau, was sie dachte. — Also — wiederholte er und trat einen Schritt näher, verringerte den Abstand zwischen ihnen. — Ich möchte nicht, dass es hier endet.
— Ich auch nicht.
— Gut.
Er nahm ihr Gesicht in beide Hände, die Daumen strichen über ihre Wangenknochen, und Lara schloss für einen Moment die Augen, ließ sich in die Berührung sinken. Als sie sie wieder öffnete, sah Daniel sie mit einer Intensität an, die ihr den Atem raubte.
— Gib mir deine Nummer — bat er mit rauer Stimme.
Sie kramte in ihrer Tasche, ihre Finger zitterten leicht, und holte ihr Handy hervor. Daniel nahm es, tippte seine Nummer ein und rief sich selbst an, ließ es einmal klingeln, bevor er auflegte. Dann gab er es ihr zurück, ließ ihre Hand jedoch nicht los.
— Ich rufe dich an — versprach er.
— Wann?
— Morgen.
— So bald?
— Ich kann nicht länger warten.
Lara lachte, doch der Klang war gedämpft, denn Daniel zog sie zu einem weiteren Kuss heran. Diesmal war es anders. Keine Eile, keine drängende Begierde wie im Lager der Buchhandlung. Es war langsam, tief, als wollte er versuchen, ihren Geschmack in seinem Gedächtnis zu verankern. Als er sich zurückzog, spürte Lara, wie ihre Lippen kribbelten, als hätte er dort eine unsichtbare Spur hinterlassen.
— Morgen — wiederholte sie, als müsste sie das Wort hören, um es zu glauben.
— Morgen — bestätigte er und trat einen Schritt zurück, ließ ihre Hand jedoch nicht los. — Ich nehme dich zum Abendessen mit.
— Wohin?
— Irgendwohin, wo wir uns nicht verstecken müssen.
Sie lächelte und spürte, wie ihr Herz schneller schlug. — Ich mag Orte, an denen man sich verstecken muss.
Daniel lachte leise, und der Klang vibrierte in seiner Brust, so nah, dass Lara die Wärme in ihrem Körper aufsteigen spürte. — Ich auch — gab er zu. — Aber diesmal möchte ich dich bei Tageslicht sehen. Ich möchte wissen, wie dein Lachen klingt, wenn wir nicht zwischen vier Wänden sind.
Lara biss sich auf die Lippe und spürte, wie sich das Verlangen in ihrem Bauch zusammenzog. — Und was möchtest du noch wissen?
Er neigte den Kopf, seine dunklen Augen funkelten im Licht der Laterne. — Alles. Wie du deinen Kaffee trinkst. Ob du dich beim Schlafen ankuschelst oder das ganze Bett einnimmst. Welches Buch du gerade liest. Ob du schnarchst.
— Ich schnarche nicht!
— Ich wette, das tust du.
— Das erfindest du nur.
— Vielleicht — gab er zu und zog sie näher, bis sich ihre Körper perfekt aneinanderschmiegten. — Aber ich werde es herausfinden.
Lara lachte, und der Klang verlor sich im Regen. — Du bist unmöglich.
— Und du magst das.
Sie leugnete es nicht. Stattdessen hob sie das Gesicht und küsste ihn erneut, diesmal mit mehr Dringlichkeit, als wollte sie sich selbst beweisen, dass dies real war. Daniel erwiderte den Kuss, seine Hände glitten ihren Rücken hinab, zogen sie näher an sich, und für einen Moment vergaß Lara, dass sie auf der Straße standen, vergaß, dass die Nacht kalt war, vergaß alles außer dem Gefühl seiner Lippen auf ihren.
Als sie sich voneinander lösten, atmeten beide schwer.
— Ich muss wirklich gehen — murmelte sie, machte jedoch keine Anstalten, ins Auto zu steigen.
— Ich weiß — antwortete er, rührte sich jedoch ebenfalls nicht.
Sie blieben stehen, sahen einander an, als versuchten sie, sich jedes Detail einzuprägen, bevor sie sich trennten. Lara strich mit den Fingern durch Daniels Haar, spürte die Feuchtigkeit des Regens in den Strähnen, und er schloss für einen Moment die Augen, als wäre die Berührung zu viel.
— Morgen — sagte sie schließlich.
— Morgen — wiederholte er und trat einen Schritt zurück.
Lara stieg ins Auto, startete den Motor und ließ das Fenster herunter. Daniel trat näher, stützte die Arme am Fenster ab, und sie streckte die Hand aus, berührte sein Gesicht ein letztes Mal.
— Fahr vorsichtig — bat er.
— Das werde ich.
— Und ruf mich an, wenn du zu Hause bist.
— Wirst du hier stehen bleiben, bis ich wegfahre?
— Vielleicht.
Sie lächelte. — Du bist lächerlich.
— Und du liebst das.
Sie widersprach nicht. Stattdessen beugte sie sich aus dem Fenster und küsste ihn noch einmal, schnell, bevor sie das Gaspedal durchtrat. Daniel blieb auf dem Gehweg stehen und beobachtete, wie die Rücklichter in der Kurve verschwanden, und erst dann ließ Lara die Realität zu sich durchdringen.
Das Radio lief auf einem Jazzsender, und die sanfte Musik erfüllte die Stille des Autos. Sie richtete den Rückspiegel, sah ihr eigenes Spiegelbild – die geschwollenen Lippen, die glänzenden Augen, das leicht zerzauste Haar. Sie sah aus wie eine andere Person. Oder vielleicht endlich wie sie selbst.
Der Regen fiel weiter, wusch die Reifenspuren vom Asphalt, löschte die Spuren dieser Nacht, als hätten sie nie existiert. Doch Lara wusste, dass manche Dinge sich nicht wegwaschen ließen. Manche Dinge blieben.
Sie lächelte vor sich hin, spürte noch immer das Kribbeln in ihrem Körper, und gab Gas, gespannt darauf, nach Hause zu kommen und von morgen zu träumen.